Gedanken im Februar 2025…
…im Zeichen der Präsidentschaft von Musk/Trump, der Bundestagswahl, den sich verstärkenden und vielfältiger werdenden globalen Krisen.
Zuallererst: Vielen Dank!
In den vergangenen Wochen durfte ich die Erfahrung machen, dass im Zeichen des sich verstärkenden Rechtsrucks in Deutschland, plötzlich ganz viele Menschen aufstehen und sich dagegenstellen. Mir machen die Tendenzen und Ereignisse Angst. Um so schöner ist es zu spüren, dass ich nicht allein bin, sondern dass viele, sehr viele Menschen Inhalte in ihrem WhatsApp-Status teilen, zu Demonstrationen aufrufen, Demos organisieren und sich in die verschiedensten Gruppen einbringen, um auch nachhaltig für Demokratie, eine offene Gesellschaft und die universellen Menschenrechte zu kämpfen. Viele durfte ich persönlich bei Demonstrationen treffen! Voll schön!
Viele von uns haben sich aufgrund physischer Entfernung im WhatsApp-Status getroffen, sich gegenseitig unterstützt, Inhalte geteilt und verbreitet.
Was mir Angst macht:
· Ignoranz:
Insbesondere im Wahlkampf war zu beobachten, wie die wichtigsten gesellschaftlichen Themen und Herausforderungen nicht nur nicht diskutiert wurden, sondern bewusst gemieden wurden. Dazu drei Beispiele:
(1) Migration:
Wir wissen aus Studien, dass die BRD mindestens 288.000 Zuwanderer*innen benötigt, um das Niveau unserer Sozialversicherungen halten zu können. Bereits jetzt gehen über 100 Milliarden jährlich vom Bundeshaushalt in die Rentenkasse. Geld, dass für Investitionen in die Zukunft fehlt. Soll die Wirtschaft in Deutschland wieder wachsen, wären 400.000 Zuwanderer nötig.
Wir sollten Angst davor haben, dass unser Sozialstaat und damit ein gewohntes sicheres Leben zusammenbricht. Im Wahlkampf haben wir das Gegenteil erlebt: Angst vor Migrant*innen.
KEIN*E Politiker*in hat sich vor die rund 21 Millionen Menschen mit internationaler Familiengeschichte, die alle zum Wohlergehen von uns allen beitragen, gestellt, um ganz klar zu sagen: Deutschland ist ein Einwanderungsland! Wir brauchen diese Menschen! Sie sind ein Teil von uns!
Und ganz abgesehen von wirtschaftlicher Verwertungslogik: Wir sprechen über MENSCHEN!
Zusammengefasst: Wir müssten Angst vor dem Zusammenbrechen unserer Sozialsysteme haben, haben aber Angst vor „den Anderen“.
(2) Klima:
Wir verlassen als Weltbevölkerung eine 10.000-jährige Phase eines gemäßigten Klimas. Die 1,5°-Erwärmung wird bereits vielerorts überschritten und wir beginnen uns an Nachrichten zu gewöhnen, dass in Australien Buschbrände 1 Milliarde Wildtiere töten, die Koala-Bären dadurch aussterben werden oder dass in Kalifornien 12.000 Häuser abbrennen.
Aktivist*innen von Fridays For Future werden bespuckt, gegen Habeck und Die Grünen wird von allen Seiten gebasht, Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe erhält Morddrohungen, Greenpeace wird in den USA auf 300 Millionen verklagt,…
Das passiert nicht ohne Grund. Es ist der verzweifelte Versuch in unserer Gesellschaft, ein existenzielles Thema zu verharmlosen, zu verdrängen und zu verleugnen. All dies sind Coping-Strategien, die wir aus der Individualpsychologie kennen.
Zusammengefasst: Wir ignorieren die größte Herausforderung unserer Zeit.
(3) „Junge Themen“:
Klima, Bildung, Digitalisierung….alles Themen, die wichtig für junge Menschen sind, wurden quasi nicht behandelt und spielen auch in der Tagespolitik von Landesparlamenten und Bundestag. In einer strukturell demografisch alten Gesellschaft werden die Interessen junger Menschen marginalisiert.
Weder eine bessere Entlohnung für Erzieher*innen und Pflegekräfte, noch Frauen- oder Minderheitenrechte scheinen noch vorzukommen.
Zusammengefasst: Die Zukunft unserer Kinder spielt keine Rolle!
· Postfaktisches & Verrohung: Beginnend in den asozialen Medien, befeuert durch „alternative Fakten“, „Fake News“ und gezielter Desinformation, erleben wir, wie Spaltthemen, wie die Aufnahme von Flüchtlingen, die Pandemie, der Nahostkonflikt,…[insert more polarizing topics] unsere gesellschaftliche Mitte immer weiter spaltet. Der Umgangston, die Verleugnung von Fakten, das Framing „der Anderen“, die Unfähigkeit andere Haltungen auszuhalten, die Bereitschaft menschenfeindliche Positionen in den Diskurs zu nehmen, der schnelle Wechsel zu persönlichen Angriffen, Ablenkungen auf andere Themen, Unterstellungen…kurzum: Schwarze Rhetorik, die immer häufiger anstelle eines Meinungsaustauschs treten. Konflikt statt Diskussion.‘ Populistische Politiker*innen lügen, um Gefühle von Menschen zu befriedigen.
Zusammengefasst: Die gefühlte Wahrheit tritt an Stelle der eigentlichen Wahrheit. Kampf und Konflikte treten an die Stelle von Kommunikation.
· Angriffe auf universelle Werte und Prinzipien:Unsere offenen Gesellschaften und unsere Demokratien basieren auf der Epoche der Aufklärung. Universelle Prinzipien, wie die Menschenrechte oder der Rechtsstaat, die Wahrheit und die Wissenschaften,…werden angegriffen und – wo rechtsgerichtete und faschistische Kräfte an der Macht sind – abgebaut (s. Polen, Ungarn, USA,…). Zuletzt traten die USA und Israel aus diversen Organisationen aus. Die USA wagen es sogar, den Mitgliedern internationalen Gerichtshof Verfolgung anzudrohen.
Im Namen eines Kulturkampfes werden wieder Bücher (z.B.: Thema sexuelle Vielfalt) verbrannt oder die Verbreitung von Wissen untersagt (z.B. Evolutionstheorie).
Zusammengefasst: Partikularinteressen werden über universelle Werte gestellt. Die emanzipatorische Entwicklung der vergangenen 250 Jahre wird angegriffen.
Wichtige Eingeständnisse:
Ich würde hier gerne Gedanken verstärken, die ich im Wesentlichen von Menschen, wie vom Klimaaktivisten Tadzio Müller, vom Publizisten Michel Friedman und vom Soziologen Harald Welzer übernehme.
·Was wir „Gesellschaft“ nannten, ist kaputt!
Das, was wir Gesellschaft nennen, ist kaputt. Die Reste von ehrenamtlichem Engagement werden immer häufiger attackiert, moralisch an Werten orientiertes Handeln wird angegriffen, die Gruppen werden immer weiter zersplittert und fragmentiert. Ähnlich wie beim Fracking Chemikalien in Gesteinsspalten gepumpt werden, wirkt das rhetorische Gift populistischer und identitärer Bewegungen. Mit Verschwörungsideologien werden – wie in grauer Vorzeit – völlig irrational Schuldige gesucht, gefunden und angegriffen.
Der Kampf gegen die Klimakrise ist verloren
Auf geopolitischer Ebene wie auch im persönlichen Umfeld wird unser Verhalten in keinster Weise der Klimakrise gerecht. Nach dem Reisen der 1,5°-Grenze steuern wir auf 2° zu, wodurch viel wahrscheinlicher Kipppunkte ausgelöst werden, die das globale Klima sehr schnell auf noch höhere Durchschnittstemperaturen steigen lassen werden. Weder die internationale Klimadiplomatie (COP) noch die Anstrengungen in der Bundesrepublik, noch unsere persönlichen Verhaltensmuster zeigen die notwendigen Veränderungen.
Von daher ist die Frage berechtigt, ob unser Handeln weiter auf Anstrengungen auf einen Kampf gegen die Klimakrise oder eher auf Strategien zum Umgang mit dem Klimakollaps gerichtet sein sollten?
Schlussfolgerungen:
„Bildet Banden!“
Auf der einen Seite erlebe ich Menschen, die in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Selbstreflexion und Achtsamkeit entwickelten, wie sie vor 20-30 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. (Stichworte: „Allesgefühl“ und „Fernstenliebe“) Erst jetzt im Januar/Februar 2025 wieder durch die Vielen, die sich gegen einen Rechtsruck engagierten. Auf der anderen Seite erlebe ich eine krasse Verrohung im öffentlichen Diskurs, eine Abgewandtheit von anderen und einen Rückzug vieler Menschen ins Private.
Um mit den multiplen Krisen einerseits, dem unfähigen und irrationalen Umgang von Menschen andererseits und mit sich beschleunigenden Veränderungen umzugehen, werden wir alle Rückhalt benötigen.
Dieser Rückhalt liegt in sozial und ökologisch achtsamen Netzwerken und Gruppen von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, andere unterstützen und eine Resilienz entwickeln.
Globaler Tech-Faschismus:
Ich beobachte bestürzt und mit ungläubiger Anspannung die globalen Entwicklungen, insbesondere in den USA als der „ältesten Demokratie“. Lange wurde China als die nächste Superpower gehandelt. Seit bei der Amtseinführung Trumps die „Big Tech“ aus dem Silicon Valley – Zuckerberg, Musk, Besos,… - hinter Trump saßen, fürchte ich, dass die Welt in einen globalen Tech-Faschismus abdriftet. Innerhalb dieses Tech-Faschismus, innerhalb der populistischen, rechtsradikalen bis identitären Bewegungen finden sich erschreckend viele der 14 Elemente, die Umberto Eco als den Urfaschismus beschrieb.
Nachdem unsere gesamte „moderne“ Kommunikation innerhalb des Einflussbereichs von Big Tech läuft (WhatsApp, Instagram, TicToc als Einfluss des chinesischen autoritären Systems,…[insert more APPs] ) brauchen wir alternative Kommunikationswege und Anwendungen, die es schon gibt: z.B. Signal als Open Source APP statt WhatsApp, Enthaltsamkeit bei asozialen Medien,…
Deshalb: Open Source statt Big Tech, Lagerfeuer statt Texten, Sprechen statt Posten, Zuhören statt Lesen, Empathie statt Entfremdung
Die Welt nach der Überwindung der Klimakrise und der daraus folgenden multiplen Krisen wird eine sozialere, nachhaltigere und achtsamere Welt sein.
Einige Quellen:
Wie viel Zuwanderung braucht die BRD?
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/arbeitsmarkt/ausland-fachkraefte-mangel-interesse-deutschland-100.html
Tadzio Müller bei „Dissens“ – Podcast:
https://open.spotify.com/episode/7KwIKJtVOtfg256Bbuycta?si=eeb65ee6eced40ed
The new global superpower is not who you think - Ian Bremmer:
https://www.youtube.com/watch?v=uiUPD-z9DTg
Ur-Faschismus nach Umberto Eco:
https://www.pressenza.com/de/2017/10/14-merkmale-des-ur-faschismus-nach-umberto-eco/