Inside Extinction Rebellion (XR)

„Canaries in a coalmine“

(Lesezeit: ca. 60min.)

Der Artikel stellt einen Erfahrungsbericht nach 20 Monaten Klimaaktivismus u.a. bei Extinction Rebellion dar. Bei aller Kritik an der Bewegung: Wir sind bei 415ppm.  
( Stand: Juni 2021)

Trigger-Warnung 1: Falls Du selbst Teil der Klimagerechtigkeitsbewegung bist, gibt es Teile dieses Textes, die Dich wegen ihrer kritischen Seite verstören könnten. Es geht hier in bester Absicht darum, einen Spiegel für Aktivist*innen und Bewegungen anzubieten. Es besteht die Hoffnung, dass dadurch Denk- und Reformprozesse in Gang kommen und Menschen lernen, mit Situationen und selbst erwählten Aufgaben umzugehen.

Trigger- Warnung 2: Es geht auch darum, bestimmte mögliche Verhaltensmuster bei ehemaligen und aktuellen Aktivist*innen herauszuarbeiten. Deshalb wurden tatsächlich erlebte Begebenheiten verwendet. Beim Schreiben wurde sehr auf Anonymisierung geachtet, das Geschlecht der Personen wenn möglich neutral gehalten oder unnötige Informationen herausgelassen, so dass die realen Menschen hinter den Geschichten für andere möglichst nicht erkennbar sind. Es ist aber möglich, dass Aktivist*innen sich hier selbst erkennen. Der Text wurde mehrfach zur Probe von ehemaligen und aktiven Aktivist*innen gelesen, um zu sehen, ob sie die Personen hinter den Geschichten erkennen, was in beiden Fällen nur vereinzelt der Fall war.


Inhaltsverzeichnis:

Teil 1: „Who the f*** is….Extinction Rebellion?“

S. 3        Wie ich zu dieser Bewegung kam

S. 4        Die ersten Begegnungen mit den Rebell*innen

S. 4        Das Narrativ der Apokalypse

S. 5        Mein erstes Mal in der Ortsgruppe Freiburg (OG FR) und das letzte Mal für die viele andere

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Teil 2: „Who is with Extinction Rebellion?“

S. 8        Wer war und wer ist bei Extinction Rebellion, wer fehlt?

S. 8        Ziel der Anschlussfähigkeit, des massenhaften Zivilen Ungehorsames und…die realexistierende Gruppenzusammensetzung

S. 11      Die Veteran*innen


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Teil 3: „What is….Extinction Rebellion…all about?“


S. 12      „Ökologischer Puritanismus“ und Moralismus

S. 114    Identitätskonflikte – „Was ist Extinction Rebellion?“ und der Streit darum innerhalb der Gruppen

S. 15      „Eigenkomponierte Lieder sind nicht XR“…oder nicht für jede*n.

S. 15      „Wir sind jetzt aber bitte nicht die Hochbeete-Bauabteilung des städtischen Bauhofs“

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Teil 4: „What do we want? Climate justice?“


S. 17      Selbstzweifel

S.17       XR als Projektionsfläche für Wünsche und als Selbstbedienungsladen

S. 17      Der Wunsch nach einer harmonischen Gruppe…

S. 18      …und die realen Konflikte

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Teil 5: „What do you mean by ‘activism’?“


S. 19      Versuch einer Typologie – Beteiligungstypen

S. 20      Minimales Engagement für maximales Selbstbild

S. 20      Wunsch nach Selbstwirksamkeit

S. 21      Eine Kommunikationsplattform, die alles kann

S. 22      Kritik und Kampf in alle und aus allen Richtungen

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Teil 6: „Round triangles, oxymorons and a series of paradoxes“

S. 25      Paradox: Franchise Rebellion vs. Graswurzel Bewegung

S. 25      Paradox: Ziviler Ungehorsam in der Geschichte vs. ZU in der Klimagerechtigkeitsbewegung

S. 26      Vielleicht das problematischste Paradox der Bewegung: Machtfreiheit

S. 26      Strategie – „Was 2019 Aktionsformen von XR waren, wird auch weiter gemacht!“

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Teil 1: „Who the f*** is….Extinction Rebellion?“

- Wie ich zu dieser Bewegung kam

- Die ersten Begegnungen mit den Rebell*innen

- Das Narrativ der Apokalypse

- Mein erstes Mal in der Ortsgruppe Freiburg (OG FR) und das letzte Mal für die viele andere

Wie ich zu dieser Bewegung kam

Es war der Frühling 2019. Blühende Bäume und regnerisches Wetter, als im Freiburger Stühlinger Park an der Herz Jesu Kirche ein Fridays For Future Streik trotz widriger Umstände fast 8000 Menschen angezogen hatte. Die Studierenden aus meiner Gruppe der Winteruni der Albert-Ludwigs-Uni hatten zuvor Fragebögen entwickelt und waren mit Clipboards und unseren Regenschirmen im Park unterwegs, um die Schüler*innen zu fragen, was sie von der Politik erwarten und was sie selbst bereit waren, zu tun, um den Klimawandel zu verlangsamen oder gar zu stoppen.

Ich selbst hatte bereits 1988 auf Initiative meines Chemielehrers ein Referat zum Treibhauseffekt gehalten und war mir spätestens seit meinem Studium um die Jahrtausendwende sehr bewusst, dass das CO₂nicht einfach wieder verschwindet, sondern viele Jahre später klimawirksam wird. Der Hitze- und Trockensommer 2003 und der Anblick vertrockneter Maisfelder ließen uns bereits erahnen, was sich in den Dürresommern 2018, 2019 und 2020 wiederholte.

Es war 2005, und meine damalige Freundin und heutige Frau und ich wehrten uns zunächst sehr gegen ein drohendes Auto-Hochzeitsgeschenk der Eltern. Es wurde nach langem Hin- und Her ein Erd- oder biogasbetriebenes Fahrzeug. Die Lektüre über die Auswirkungen unseres Konsums und die Macht der großen Konzerne trieben uns damals bereits an, jede Kaufentscheidung dahingehend zu überdenken, ob sie nicht vermieden, oder zumindest sozialer, fairer, regionaler und ökologischer möglich wäre. Auch wir waren damals also Anhänger der trügerischen Idee, wir könnten durch die Veränderung unseres Konsums die Welt verändern.

Eigentlich hatte ich damals den Glauben weitestgehend aufgegeben, dass sich die Menschheit als Ganzes jemals besinnen könnte, achtsam mit unserer Mitwelt und dem Klima umzugehen. „Erst wenn der Leidensdruck durch Katastrophen steigt…“ war ein von anderen und mir häufig gebrauchter Abschluss von Diskussionen über das damals „Klimawandel“ genannte Phänomen. Umso mehr waren wir angetan, als 2019 in Deutschland und auch weltweit Schüler*innen begannen, freitags die Schule zu bestreiken und Maßnahmen zum Klimaschutz zu fordern.

Unsere Kinder und meine Frau waren es, die im Mai 2019 von einer Demonstration auf dem Platz der Alten Synagoge zurückkamen und von einem „coolen Hip Hopper“ und einer Bewegung mit einem komisch unaussprechlichen Namen erzählten. So schickten wir uns Fotos im Messenger, wann immer wir dieses Symbol mit dem Kreis für die Erde und der darin befindlichen Sanduhr entdeckten. Das Phänomen ist als selektive Wahrnehmung bekannt und so folgten bald Fotos von Extinction Rebellion Aufklebern an Ampel- und Laternenmasten von quasi allen Orten, aus München, Dresden, Göttingen oder Frankfurt, in denen ich zu Seminaren unterwegs war.

Die ersten Begegnungen mit den Rebell*innen

Für die Sommeruniversität im August 2019 hatte ich wieder Deutschkurse im Kalender. Von der Fachbereichsleitung gefragt, ob ich einen Konversationskurs zum Klimathema geben würde, machte ich mich auf die Suche nach Menschen aus verschiedenen Gruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung (KGB), die als Gäste in einen Nachmittagskurs zu knapp über 30 ausländischen Studierenden kommen würden, um Fridays For Future, Fossil Free und Extinction Rebellion vorzustellen.

Ich war sehr angetan von der methodischen Herangehensweise der beiden Aktivist*innen von XR, die mit soziometrischen Aufstellungen zuerst ihr Verständnis von Gewaltfreiheit und Zivilem Ungehorsam diskutierten und dann Fakten zum Klimawandel abfragten. Wann immer im Unterrichtsgespräch Studierende besorgniserregende Fakten zu Klimawandel nannten, ergänzen die XR-Aktivist*innen, dass „bereits jetzt Menschen sterben“ oder dass „es eigentlich schon 10 nach 12“ sei oder einfach, dass es noch viel schlimmer wäre, als von den jeweiligen Studierenden formuliert. Aussagen und Sorgen wurden also kontinuierlich verstärkt.

Zu dieser Zeit lief die Mobilisierung für die Berliner Rebellion Wave 2019. Inspiriert von XR United Kingdom, wo bereits Brücken über die Themse blockiert wurden und durch das Lahmlegen von Innenstadt und Regierungsviertel Druck auf Parlamentarier*innen aufgebaut wurde, sollten in der deutschen Hauptstadt vergleichbare Aktionen folgen. Genauso in wie auch in Amsterdam, Madrid und vielen anderen Städten. Mir wurde erst einige Tage nach dem Unterrichtsbesuch langsam bewusst, dass der Klimawandel und die damit verbundene Gerechtigkeitsfrage ein regelrechtes Lebensthema von mir waren und dass ich unmöglich nicht nach Berlin fahren könne. Lange vereinbarte Seminartermine mit Honoraren in vierstelliger Höhe standen dem Termin im Weg und so kam die Überlegung auf, ob ich nicht mit finanziellen Mitteln Rebell*innen unterstützen könnte und so mich selbst von der Rebellion entschuldigen, „freikaufen“ und fernbleiben konnte.

Das Narrativ der Apokalypse

So gingen meine Frau und ich zu einem Informationsabend im FöCa, dem selbst-organisierten Café der Fachschaft der Förster. Neu und spannend für mich waren die Handzeichen der Bewegung zur Selbstmoderation, gewohnt die Darstellung der ultimativen Krise und dem kommenden Zusammenbruch der Zivilisationen, der ich nie wirklich widersprechen wollte. So etwas Ähnliches war es ja, was ich selbst über die vielen Jahre zum Klimawandel und der Unmöglichkeit eines grenzenlosen Wachstums auf einem endlichen Planeten vertreten und befürchtet hatte. Und es ist eine Angst, die mich schon lange begleitet. Auf der Informationsveranstaltung war kaum noch Platz, weder auf Stühlen, noch auf dem Boden und es soll damals wöchentlich einen oder mehrere solcher Abende gegeben haben. In Erinnerung geblieben ist mir ein Gespräch, in dem eine Mutter ihre Angst kundtat, ihre fünf Kinder würden im Klimawandel in einer Katastrophe verbrennen. Auch in Erinnerung blieb mir ein Seitengespräch und die heftige Reaktion einer Aktivistin auf einen Teilnehmer, der meinte, dass auch die Bevölkerungsexplosion eine Rolle spiele. Die Vorwürfe des Zynismus gegenüber Menschen aus dem Globalen Süden, die den Klimawandel gar nicht zu verantworten hätten, blieben mir wohl deshalb in Erinnerung, weil es nicht unbedingt üblich ist, dass Interessenten und Gäste auf einer Informationsveranstaltung von den Informierenden so heftig angegangen werden.

Mit dem langsamen Näherkommen des Termins der Rebellion Wave 2019 wurde mir immer klarer, dass ich nicht nicht dorthin gehen konnte. Ich sagte drei Seminartage ab und meldete mich bei einem Freund in Neukölln zur Übernachtung an, der dann auch die ersten zwei Tage – Besetzung des Kreisverkehrs an der Siegessäule und des Potsdamer Platz – mit mir bestritt. Die Freiburger Ortsgruppe war mit über 60 Rebell*innen wohl die größte Ortsgruppe. Umso ungewöhnlicher war es, dass die Freiburger „FRebels“ kein gemeinsames Treffen hatten und sich viele kaum zu kennen schienen. Der erste Tag brachte dann auch den medialen Einschlag, XR war europaweit in allen Schlagzeilen an der ersten Stelle. Am Tag darauf folgte der antisemitische Anschlag in Halle und der Einmarsch von Erdogans Truppen in Rojava und Afrin. XR wurde in der Woche fortan nur noch in den regionalen und lokalen Nachrichten erwähnt, obwohl Aktivist*innen mehrere verkehrswichtige Brücken und Ministerien blockierten, Straßen bunt machten, sich anketteten und von der Polizei wegtragen ließen.

Die Rückfahrt fiel mir schwer, weil ja noch weitere Aktionen geplant waren und ich sehr liebenswürdige Menschen, die ich eben erst kennen gelernt hatte, quasi in der Blockade allein lassen musste. Seltsamerweise fühlte sich die Rückfahrt wie der Abschied von einer vertrauten Gruppe an, in der ich mich wohl irgendwie sehr wohl gefühlt hatte – „seltsam“, weil es eigentlich weder eine Gruppe war, die sich gut kannte, noch der Kontakt länger war oder ein wirkliches Kennenlernen stattgefunden hatte.

Die RedRebels symbolisieren mit langsamen Bewegungen, der roten Kleidung für das Blut der ausgestorbenen Arten und traurig-spannender Hintergrundmusik in einem – wie ich finde - theatralischen Auftritten das 6. große Massensterben, das die Erde in ihrer bekannten Geschichte erlebt. Vielleicht kann diese Gruppe innerhalb von XR Zeugnis für die eschatologische Weltsicht der Bewegung sein.

Mein erstes Mal in der Ortsgruppe Freiburg (OG FR) und das letzte Mal für viele andere

Für ein Wochenende zur Reflexion nach der Rebellion Wave hatte die OG FR eingeladen. Ich erinnere mich, dass ich nach diesem Wochenende völlig fertig war und dass es mir erst am Montagabend wieder besser ging, nachdem wir (die Familie) bei einem indischen Lieferservice mehrere Fleischgerichte bestellt hatten, die in Aluminium verpackt mit dem Auto zu unserer Wohnung geliefert wurden. Meine Gedanken damals: „Wenn das die Revolution ist, bin ich die Konterrevolution.“ Wie war es so schnell soweit gekommen?

Ich kann das Wochenende nur höchst ambivalent beschreiben. Ich war geradezu begeistert von der Selbstorganisation der Menschen bei der OG FR, die für mehr als 40 Menschen Frühstück, Mittagessen und Kaffee und Kuchen für zwei Tage bereitstellten, bei der sich für Arbeiten immer helfende Hände fanden, Menschen achtsam miteinander umgingen und dazu ein anspruchsvolles Programm mit zahlreichen Diskussionen organisiert hatten. Ein sehr liebenswerter Rebell hatte tags zuvor für die komplette Mannschaft zu Hause Kürbissuppe gekocht und am frühen Morgen klimaschonend mit dem Fahrradanhänger zum Veranstaltungsort gefahren. Dabei war er an einer Laterne hängen geblieben, konnte aber den Großteil der Suppe retten. Ein anderer Aktivist kochte am Sonntag für alle, um den anderen die Diskussion zu ermöglichen. Menschen brachten Gebäck von zu Hause, selbst gemachtes und selber angebautes Essen aus dem Garten. Kurzum: Ein Paradebeispiel für eine Graswurzelbewegung und – ja, auch eine Art gelebte „Geschwisterlichkeit“.

Umso schwieriger war es für mich, die Konflikte einzuordnen und auszuhalten, was mir auch erst deutlich später gelang…oder zumindest scheint es mir, als ob ich die Konflikte heute besser verstünde. XR FR hatte in den Monaten zuvor ein unglaubliches Wachstum erlebt. Es gab wegen der schieren Größe der OG die Idee, einzelne Stadtteilgruppen zu bilden, also XR Freiburg Stühlinger, XR FR Vauban, …etc. Die versprochene Rebellion Wave und Aussicht darauf, die Regierenden mit Mitteln des Zivilen Ungehorsams zum Handeln zu zwingen, hatte zuvor Aktivist*innen aus den unterschiedlichsten Gruppen zu XR gebracht. Darunter waren linke Gruppen, AntiFa, Feminist*innen,…etc. aber auch viele Menschen, die zuvor nicht aktiv waren. Es war die Enttäuschung über die strategisch und in Sachen Medienaufmerksamkeit als gescheitert empfundene Rebellion Wave und – als Auslöser – ein Interview mit einem der „Gründer“ von Extinction Rebellion – Roger Hallem – der seither von manchen nur noch mit seiner Abkürzung „R.H.“ benannt wird. Seine gewohnt apokalyptischen Beschreibungen der Klimakrise führten im Interview mit The Time zu seiner Aussage, der Holocaust sei „just another fuckery in mankind’s history.“ Was in England einfach eine drastische Art und Weise ist, über etwas Katastrophales zu sprechen, gilt in Deutschland als sekundärer Antisemitismus. Der Holocaust sollte in Deutschland nie verglichen und damit verharmlost werden! XR Deutschland und XR Freiburg distanzierten sich jeweils öffentlich von R.H..

Am Sonntag des Reflexionstreffens folgte dann noch ein denkwürdiger Ausbruch einer jungen Aktivistin, die unter Tränen der gesamten Gruppe mitteilte, dass sie aufhören müsse, weil sie es nicht mehr könne, weil der Druck gegen den Klimawandel zu kämpfen einfach zu groß sei und sie nicht merke, dass wir vorankämen und dass sie sich erstmal zurückziehen müsse weil sie keine Kraft mehr habe. Umso verwunderlicher war für mich im anschließenden Versuch einer anderen Aktivsitin und mir, die junge Aktivistin zu beruhigen, die Aussage der anderen Aktivistin, dass es tatsächlich eine ausweglose Situation sei und dass sie nach einer Regeneration natürlich wieder kämpfen müsse, während ich selbst eher einen Standpunt vertrat (und vertrete), dass momentan etwas Wunderbares passiert und dass  Menschen global beginnen, sich um Klima und Mitwelt zu kümmern, wir als Gesellschaft insgesamt große Fortschritte machen, diese auch im letzten Jahrhundert – trotz zweier krasser zivilisatorischer Brüche – sowie in der Gegenwart in Sachen Klimakrise tun würden…kurzum: Unheilbarer Pessimismus vs. grundloser Optimismus.

Es folgten weitere denkwürdige Momente: Als ein in Seminaren tätiger Dozent führte es bei mir zu völliger Irritation, als nach einem gemeinsam in Graswurzelmanier gestalteten Wochenende, voll mit guter Verpflegung, gemeinsamem Speisen, Gesprächen und Diskussionen in der Abschlussrunde mehrere Menschen XR und der Gruppe XR FR ein vernichtendes Zeugnis ausstellten. Meinem Eindruck nach war die gesamte Teilnehmerschaft geschockt. Abschlussrunden erlebe ich für Gewöhnlich mit weitaus freundlicheren und versöhnlichen Statements, vor allem aber mit viel Dankbarkeit.
Eine*r der Gründer*innen von XR FR, wenn nicht sogar der/die Gründer*in, wechselte kurze Zeit später auch nach Berlin, wobei ich nicht weiß, wie viel das mit der Stimmung am Reflexionstag im November 2019 zu tun hatte. Jedenfalls hat sie sich bei der Gruppe meines Wissen nach nie mehr gemeldet.

Ein zweiter denkwürdiger Moment ereignete sich in einer Diskussion um die Ausrichtung von XR, der sich zwischen einer Aktivistin und einem Aktivisten abspielte. Sie vertrat die – in XR-Publikationen nachzulesende Ausrichtung der Bewegung – Ansicht, dass XR vorwiegend immer mehr Menschen erreichen müsse, die ihr eigenes Leben völlig veränderten. Er vertrat die Ansicht, dass es bei XR doch in erster Linie aber um Aktionen des Zivilen Ungehorsams ginge. Jedenfalls wurde der Aktivist in der Diskussion zuerst von ihr, dann von mehreren anderen Menschen wegen seines anscheinenden Chauvinismus angegangen, woraufhin er vor versammelter Gruppe unter starken Rechtfertigungsdruck geriet.

Der dritte denkwürdige Moment: Es folgte beim gemeinsamen Aufräumen nach der Abschlussrunde ein Ruf in die Gruppe, der mir bis heute in den Ohren nachhallt: „Hier fehlt ein Mann in der Küche zum Spülen.“ Die Appellohr-Aussage kam von einer der Aktivist*innen, die ich zuvor in einer als feministisch wahrgenommenen Gruppe verortet hatte. Sie richtete die Aufforderung an Menschen, die sich zwei Tage lang– herzlich, gleichberechtigt und sich ständig gegenseitig Hilfe anbietend – organisiert hatte und monierte, dass just in dem Moment, in dem sie in die Küche schaute, kein arbeitender und helfender Mann zu sehen war. Ich war fassungslos.

XR FR verlor in den folgenden Wochen einen Großteil seiner Aktivist*innen. Mein Verständnis der Geschehnisse ist es, dass die vielen Aktivist*innen aus den Bereichen AntiFa, feministischen und linken Gruppen vor der Rebellion Wave auf XR gesetzt hatten und sich anschließend enttäuscht in ihre Gruppen zurückzogen. Supertragisch war es für jene Aktivist*innen, die weiter unglaublich engagiert Onboarding-Abende gaben und versuchten neue Menschen in die AGs zu vermitteln, während sich die AGs im Hintergrund auflösten.

Schlussfolgerungen:

- XR hat ein hochsymbolisches und einprägsames Logo
(Die Ähnlichkeit zu einem anderen Logo folgt in einem weiteren Teil dieses Texts.)

- Mit den Themen Artensterben – dem 6. großen Massensterben –  und der Apokalypse zeigt XR – ähnlich zu manchen Sekten - eine eschatologische Weltsicht

- In der Bewegung scheinen soziale Beziehungen eine weniger wichtige Rolle zu spielen.

- In der OG Freiburg gab es von Anfang an Streit und Konflikte

- Die Konflikte werden bevorzugt öffentlich und auf einer politisierten persönlichen Ebene ausgetragen

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Teil 2: „Who is with Extinction Rebellion?“

- Wer war und wer ist bei Extinction Rebellion, wer fehlt?

- Nennen wir es: Ziel der Anschlussfähigkeit, des massenhaftenZivilen Ungehorsames und…die realexistierende Gruppenzusammensetzung

- Die  Veteran*innen

Wer war und wer ist bei Extinction Rebellion, wer fehlt?

Vielleicht beginne ich damit einige Beobachtungen zu beschreiben: Als ich mich kurz entschlossen 2019 auf den Weg zur Rebellion Wave in Berlin machte, traf ich bereits im Flixbus andere Aktivist*innen.  Auf den Wegen von und zu den verschiedenen Demonstrationen, Blockaden und zum Klimacamp und in den verschiedenen Aktionen lernte ich viele liebenswerte Menschen kennen. Eine Auffälligkeit war, dass ich innerhalb der ersten 24 Stunden der Rebellion Wave tatsächlich ganze drei männliche Erzieher kennenlernen durfte. Normalerweise brauche ich mindestens 12 Monate, um drei männliche  Erzieher zu treffen. Das gelang auf der Wave innerhalb kürzester Zeit.

Am Montag, dem ersten Tag der Rebellionwave, schaffte ich es nicht mal mehr bis zur besetzten Siegessäule, sondern landete in der Blockade auf dem Potsdamer Platz. Eine zuerst offizielle Kundgebung wurde dazu genutzt, den Potsdamer Platz blockiert zu halten. Am Lkw, der als Veranstaltungsbühne fungierte, waren unterhalb Aktivist*innen mit ihren Armen in Rohren festgekettet, sodass der Lkw nicht mehr verfahren werden konnte. Berliner*innen wurden aufgerufen zum Platz zu kommen und ihre Zimmerpflanzen und Möbel mitzubringen. Es war ein buntes Treiben mit Riesenseifenblasen und Musik, lesenden und diskutierenden Menschen und der Polizei, die damit begann, Aufstellung zu nehmen. Obwohl die Polizei sich redlich Mühe gab, viele Menschen von der Straße zu tragen, ihre Identität zu erfassen und mit Platzverweisen zu versehen, verloren die Blockierenden weder ihre gute Stimmung, noch viel an Raum und gegen Abend zog die Polizei gegen 22.00 Uhr ab, nachdem viele auf dem Potsdamer Platz zu Trommeln und  Tanzen begonnen hatten.

Festgekettete Aktivist*innen wurden mit Rettungsdecken, Essen und Getränken sowie Suppe durch einen Küchen-Leiterwagen des Klimacamps versorgt. Ich selbst besorgte in einem nahegelegenen italienischen Franchise-Restaurant Latte Macchiato in mitgebrachten Mehrwegbechern und…


…hatte anschließend große Schwierigkeiten, die warmen Getränke loszuwerden. In den Lock-ons schienen fast ausschließlich Veganer*innen zu liegen.

Ziel der Anschlussfähigkeit, des massenhaften Zivilen Ungehorsames und…die realexistierende Gruppenzusammensetzung

Ein Ziel der Bewegung ist es, einen Anteil von 3,5% der Bevölkerung auf die Straße zu bekommen. Dieses Ziel wird in Onboardings – Informationsabenden - als Strategie ausgegeben, in einem Buch zu XR veröffentlicht, ist aber innerhalb der Bewegung umstritten. 3,5% sei die – „wissenschaftlich ermittelte“ - Schwelle, ab der eine Regierung zum Handeln gezwungen sei. Insofern sind Anschlussfähigkeit und Wachstum der Weg, schwangerentaugliche Proteste sollen es auch vulnerablen Gruppen erlauben, bei Aktionen des Zivilen Ungehorsams dabei zu sein. Die 3,5%-Schwelle stammt aus einer Studie der CIA zu forcierten Regimewechseln in Lateinamerika.

Fragen wir uns, wer alles nicht bei Extinction Rebellion ist, kommen wir vielleicht zu einer guten Einschätzung, inwieweit dass Ziel des massenhaften Zivilen Ungehorsams  erreicht werden kann.

Wen ich in 18 Monaten bei der Ortsgruppe Freiburg, bei Treffen und Trainings auf Bundesebene von XR wenig, vereinzelt oder gar nicht getroffen habe, das waren beispielsweise Handwerkerinnen oder Dialektsprecher, Menschen aus ländlichem oder dörflichem Umfeld. Gänzlich fehlen bei Extinction Rebellion Menschen mit Namen, wie Ekatharina, Jose, Hassan, Huan, Fatma oder Dunja, dafür sind Fabienne* und Winston* da. *Fabienne und Winston stehen hier für Menschen mit französischem oder US-amerikanischem Hintergrund, also die mit „gern gesehenen“ internationalen Familiengeschichten und mit studentischem Hintergrund.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle eine kleine Begebenheit von einer der vielen Fahrraddemonstrationen in Freiburg erzählen, die vom Fuß- und Radentscheid und Fridays For Future veranstaltet wurden, gut und gerne 1-2 Stunden dauerten und durch diverse Stadtviertel führten. An diesem Tag fuhren die rund 800 Fahrradfahrer*innen auch durch den eher migrantisch geprägten Stadtteil Weingarten, als zwei Jugendliche auf BMX-Rädern unweit auf dem Gehweg unterwegs waren. Ich rief den beiden zu: „Hey, fahrt mit!“ …und deren spontane Antwort zeigt das ganze Dilemma der Klimagerechtigkeitsbewegung: „Kein Bock auf Euch!“

Die Podcastreihe „Die kanakische Welle“ hat hierzu eine eigene hörenswerte Sendung namens „White People Friday“ gemacht, der die Bewegung aus der Perspektive von Menschen mit Migrationshintergrund betrachtet und beschreibt, wie die Ausgrenzung in Klimagruppen sich für Menschen mit internationaler Familiengeschichte anfühlt. Analog dazu müssten wir bei Extinction Rebellion von einer „White People Rebellion“ sprechen.

Spannend dabei ist, dass sehr viel Kraft und Mühe darauf verwendet wird, die Bewegung durch geschlechtergerechte Sprache, Vorträge, Awareness-Menschen…u.v.m. inklusiv und anschlussfähig zu halten. In Videokonferenzen schreiben Menschen hinter ihre Namen ein Pronomen (er / sie / divers, …), wodurch auch die Offenheit gegenüber Transmenschen gezeigt wird. Es wird großen Wert auf Gendern und damit geschlechtergerechte Sprache gelegt. Trotz all dieser Bemühungen, wirkt die Bewegung auf Menschen aus anderen, insbesondere aus migrantischen  Milieus stark exkludierend.

Es gab auffällige Häufungen bei Extinction, wie die erwähnten männlichen Erzieher. In der Ortsgruppe Freiburg durfte ich ein halbes Dutzend Psychologinnen kennenlernen, wobei noch mehrere Studierende der Psychologie hinzukamen. Weitere Häufungen gab es im Bereich von Lehrerinnen und Pädagogen (mich eingeschlossen), insbesondere von Menschen mit Waldorfschul-Hintergrund, was aber auch an der Gegend liegen könnte. Im Breisgau um Freiburg gibt es viele Waldorfschulen, das Goetheanum,…etc.

Die Beschreibung einer weiteren Auffälligkeit muss ich mit einer Vorwegverteidigung beginnen. Warum? Weil zuvor schon von eine*m/r Mitaktivist*in versucht wurde, mir das Nachdenken und Sprechen über diese Beobachtung zu verbieten. Die Vorwegverteidigung:

Ich bin überzeugt, dass viele Aspekte unserer modernen Gesellschaft Menschen und Umwelt krank machen. Die Systeme, in denen wir leben, befinden sich in einer Non-Compliance mit dem Planeten, seiner Umwelt und den eigentlichen Bedürfnissen der Menschen. Wenn nun das System krank ist, sind Menschen mit psychischen Erkrankungen die eigentlich Gesunden. Ihre Sensibilität für Mitmenschen und Mitwelt ist etwas Schützenswertes und sie selbst sind besondere Menschen, gerade weil sie diese Sensibilität haben und alle anderen von ihnen lernen sollten.

Meine Beobachtungen wiederholten sich so häufig, dass ich nach einiger Zeit zwei der Psychologinnen in unserer Gruppe fragte, ob Extinction Rebellion entweder ein Ort ist, an dem Menschen mit psychischen Problemen einen sicheren Raum haben, um darüber zu sprechen oder ob die Bewegung für sich besonders viele Menschen mit psychischen Erkrankungen anzieht?

Ich möchte gerne ein paar dieser überraschenden Ereignisse schildern: Bei einem Präsenz-Treffen nach dem ersten Lockdown hatten sich mehrere neue Aktivist*innen gekündigt. Im Gespräch mit einem*r Interessent*in sagte er/sie in den ersten Sätzen des Kennenlernens, dass er/sie sich schon viel früher gemeldet hätte, aber unter Angststörungen leide. Einen anderen neuen Menschen hatte ich gebeten für das nächste Ortsgruppentreffen eine Check-out-Frage zu formulieren. Wir hatten uns eben erst kennengelernt und vor dem nächsten Treffen der Ortsgruppe schickte er mir eine Nachricht, dass er nicht kommen könne, weil er Angststörungen hätte und schickte mir die Check-out-Frage im Messenger (sehr achtsam und pflichtbewusst). Bei einer Hochbeete-Aktion erlebte ich eine*n Aktivist*in, der/die auf offener Straße in Tränen ausbrach, weil ein*e andere*r Aktivist*in ebenfalls Blumenerde mitgebracht hatte und die andere, die er/sie mit dem Fahrradanhänger gebracht hatte, nicht mehr gebraucht wurde. Ein anderer Mensch musste von einer Fahrraddemonstration notfallmäßig direkt in psychiatrische Hilfe gebracht werden. Während der 18 Monate in der Ortsgruppe erfuhr ich in erschreckender Regelmäßigkeit von Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, Burn-outs und Depressionen. Mich hatte beides überrascht: die Häufigkeit und die Offenheit der Betroffenen.

Meine Beobachtungen wurden von den Expert*innen in beiden Punkten bestätigt. Eine Bewegung, die Achtsamkeit als Wert formuliert, zieht selbstverständlich Menschen an, die exakt dieser Achtsamkeit bedürfen. Zusätzlich bietet Extinction Rebellion ein Erklärungsmuster an, mit dem eigene Probleme auf „das toxische System“ projiziert werden könnten. Weil psychische Erkrankung häufig mit einem Stigma belegt ist, nannte ich es für mich „psychological issues“, weil der amerikanisch-englische Begriff eher vage und deutlich milder ausfällt. Vielleicht wäre es besser von einer Art erhöhten Sensibilität zu sprechen. Es erscheint logisch, dass Menschen, die sich große Sorgen um Klima und Mitwelt machen, auch in anderen Lebensbereichen deutlich sensibler sind als Olga-Normal-Verbraucherin.
Nachdem Extinction Rebellion in seinen Aktionen sehr stark mit dem Apokalyptischen spielt, nachdem die Apokalypse und der Zusammenbuch der Zivilisationen auch immer wieder genannt werden, muss die Frage gestellt werden, inwieweit eine psychische Vorbelastung, Klimaangst und ständige Beschäftigung mit besorgniserregenden Entwicklungen und Aktionsformen, wie Die-ins, Red Rebels u.v.m. zusammenwirken, welchen Effekt das auf die Gruppen und die einzelnen Menschen in diesen Gruppen hat?

Die Veteran*innen

Eine Gruppe von Extinction Rebellion wirft noch mehr Fragen auf, als ich bisher für mich beantworten konnte. Bereits bei meiner ersten Begegnung mit den FRebels auf der Rebellion Wave in Berlin, fiel mir auf, dass die Menschen zwar alle unglaublich nett waren, aber eben keine Gruppe. Es gab keine Treffen der Freiburger im Camp und die Leute schienen sich untereinander auch nicht wirklich gut zu kennen. Als ich nach der Wave zum Reflexionstreffen kam, verlor diese Freiburger Ortsgruppe einen Großteil ihrer Aktivist*innen und während der 18 folgenden Monate gab es eine beständige Fluktuation. Teils gingen die Menschen heimlich und leise, teils laut, im Konflikt und mit Erklärungen an die Gruppe, teils wurden Gruppenaustritte in den Messenger-Gruppen Signal und Telegram verwendet und auch dort leise-schreiend, erklärend-beleidigt oder mit gefühltem Druck auf die Gesamtgruppe. Manche blieben nur wenige Wochen, andere verschwanden schon nach zwei Besuchen der OG-Treffen, wieder andere nach wenigen Monaten. Jedenfalls ist die Gruppe der Ehemaligen um ein Vielfaches größer als die aktuelle Gruppe. Für Freiburg gehe ich mindestens vom Faktor 10 aus.

Es gibt Muster im Verhalten der Veteran*innen und damit meine ich in erster Linie jene Menschen, die in Zeiten des „großen Hypes“ 2019 mit dabei waren. Eines davon scheint mir das Meiden der Kontakte mit der noch bestehenden Gruppe zu sein. Zumindest kenne ich von anderen Gruppen, in denen ich mich bewegte, die Begegnungen mit Ehemaligen, die gerne in die Gruppe zurückkommen, mit einem allseitig freundlichen ‚Hallo“ von den aktuell Aktiven begrüßt werden und später bei einem Getränk mit Anderen in Erzählungen über „alte Zeiten“ schwelgen. So etwas gibt es zumindest bei XR FR nicht. Die vielen Veteran*innen kommen äußerst selten zurück, scheinen die Kontakte zu meiden und – falls es zum Gespräch kommt – haben entweder eine abwertende Haltung gegenüber der Bewegung entwickelt oder erzählen von schmerzhaften Burn-out- oder einfach Frustrationserfahrungen. Nur sehr vereinzelt sind diese Veteran*innen nun in anderen Klimagerechtigkeits-Gruppen aktiv.

Was mich nachhaltig wundert, ist vor allem der Rückschritt von der zuvor erfolgten Radikalisierung. Die Veteran*innen waren zu ihrer Zeit – die meisten 2019 – von der Dringlichkeit der Klimakrise, der Notwendigkeit zu Handeln und von der XR-Strategie des Zivilen Ungehorsams so überzeugt, dass sie nicht nur andere mit teils glühendem Eifer und Selbstverständnis überzeugen wollten, sondern auch selbst dazu bereit waren, Ordnungswidrigkeiten und Straftaten zu begehen.  Sie waren bereit, Menschen mit ihrem Aktivismus durch Die-ins auf öffentlichen Plätzen, durch Mic-Check-Reden gegen Konsum in Kaufhäusern und durch Blockaden von Straßen zu nerven und reagieren heute tendenziell ablenkend, ablehnend oder genervt, wenn XR zur Sprache kommt.

Was der Bewegung Extinction Rebellion und der Klimagerechtigkeitsbewegung insgesamt und beständig schadet, sind Menschen, die die Bewegung verlassen und deren Erfahrungen nicht mehr zur Verfügung stehen. Vielleicht wäre eine höhere Resilienz einzelner Aktivist*innen, aber auch der Bewegungen insgesamt möglich, wenn Erfahrungen weitergegeben würden und wenn sich Neueinsteiger*innen an Langzeit-Aktivist*innen orientieren könnten. Die Anzahl der Veteran*innen, die überraschend und plötzlich die Bewegung verlassen, ist deutlich höher als die Zahl der Menschen, die ihre Aufgaben ordnungsgemäß an andere übergeben oder einen Bereich über einen längeren Zeitraum verantworten. Dieser beständige und chaotische Wechsel kostet den Bewegungen sehr viel Kraft und beraubt sie eines riesigen Potentials. Ich denke da auch an einen Vernetzungsmenschen, der alle Freiburger Klimagruppen zusammenbrachte und dann quasi von einer Woche auf die andere sein Engagement aufgab. Gerade ein Mensch, der als Gesicht von XR bei den anderen Bewegungen bekannt ist, bedeutet einen unschätzbaren Verlust für die Gruppe.


Schlussfolgerungen:

- Um die Frage aus der Überschrift zu beantworten, wer bei XR ist: Männliche Erzieher, Hafermilch und Soja Latte Macchiato-Fans, Psychologinnen, Waldorfschul-affine Menschen,  überdurchschnittlich sensible Menschen…die Sinus-Milieu-Studie zugrunde legend, kommen XR-Aktivist*innen aus maximal drei (von 10) Milieus.

- Wer kaum/nicht da ist: Alle anderen, also Menschen mit Migrationshintergrund (außer die „Beliebten“), Dialektsprecher*innen, Handwerker*innen, Menschen aus ländlichen Regionen, Menschen ohne akademischen Hintergrund

- XR ist eine „White People Rebellion“, deren Rebell*innen vornehmlich aus privilegierten Schichten kommen

- Oberflächlich wird eine integrative Gesprächskultur gepflegt, tatsächlich aber wirkt XR exkludieren

- XR ist wegen seiner Achtsamkeitskultur attraktiv für Menschen mit „psychological issues“

- In der Ortsgruppe Freiburg und in anderen XR Ortsgruppen gibt es dafür weder ein Bewusstsein und in den meisten Gruppen auch keine Strukturen, um damit umzugehen, trotzdem insbesondere in der OG FR Menschen mit einschlägigen Professionen unterwegs sind

- Der Aktivismus bei XR scheint für die Veteran*innen eine schmerzhafte Erfahrung gewesen zu sein.

- Bei der Übernahme von Aufgaben und Verantwortungen gibt es selten Kontinuität

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Teil 3: „What is Extinction Rebellion all about?“


- „Ökologischer Puritanismus“ und Moralismus

- Identitätskonflikte – „Was ist Extinction Rebellion?“ und der Streit darum innerhalb der Gruppen

- „Eigenkomponierte Lieder sind nicht XR“…oder nicht für jede*n.

- „Wir sind jetzt aber bitte nicht die Hochbeete-Bauabteilung des städtischen Bauhofs“



„Ökologischer Puritanismus“ und Moralismus

Bei Extinction Rebellion – wie auch in anderen ökologischen Milieus – herrscht die Überzeugung, dass wir gerade auch durch unser persönliches Verhalten die Welt verändern sollten und das Klima retten. Ich/wir selbst praktizieren seit inzwischen über 20 Jahren den Vorzug fairer, regionaler, sozialer und ökologischer Kaufentscheidungen und im Idealfall die Konsumvermeidung. Bei XR wird dieser – wie ich es nennen würde – „öko-puritanische Lebensstil“ aber auf die Spitze getrieben. So gab es bei einer Aktion, bei der Innenstadt-Parkplätze durch Hochbeete besetzt werden sollten die schweren Bedenken, dass XR die rund 80kg schweren Beete nicht mit Anhänger und Auto transportieren könne. Es fanden sich Menschen, die spezielle Schwerlasten-Fahrräder organsierten. Das sah cool aus. Damit aber nicht genug. Die besten Parkplätze vor stark frequentierten Orten mussten zuvor belegt werden. Auch hier gab es einen Menschen, der bis zum Schluss schwere Bedenken dagegen hatte, dies mit Autos zu tun. Von eben diesem Menschen kenne ich aus vielen Situationen und Gesprächen die beständig wiederholte Frage, ob es nicht auch CO₂-sparender ginge, ob der/die Mitaktivist*in nicht auch mit Öffis hätte kommen können, ob nicht ein solches Material ökologischer wäre…etc.  Zur Verteidigung dieses Menschen muss ich sagen, dass er auch selbst im eigenen Leben sehr konsequent und CO₂-arm lebt.

Ganz allgemein gesprochen: In Ortsgruppen-Treffen, bei Gesprächen unter Aktivistis und auf Aktionen wird nur unter vorgehaltener Hand davon erzählt, wenn ein Mensch mit dem Auto da ist, in seinem Leben einmal geflogen ist oder Fleisch isst. Selbstverständlich wird gerade auch in einer solchen Gruppe vor allem das „sozial Erwünschte“ gesagt und das Unerwünschte verheimlicht.
Insgesamt habe ich in der Bewegung einen sehr starken Moralismus wahrgenommen, was für mich zunächst nichts Schlechtes darstellt. In der ersten Bedeutung geht es bei Moralismus zunächst um eine verbindliche Grundlage für Zwischenmenschliches und insgesamt für Verhalten. Erst in der zweiten Bedeutung und im „ismus“ – der übertreibenden Beurteilung der Moral als einzigen Maßstab – liegen die Probleme. Dazu möchte ich gerne ein Beispiel nennen, das für mich als „Vanity Fair des Moralismus“ in die Geschichte der Ortsgruppe Freiburg eingegangen ist.

Ich hatte mich selbst an der Aktion nicht wie im Vorjahr als Tänzer beteiligt, sondern wollte – und das auch nur weil ich darum gebeten wurde – die Aktion filmen. Zum „Black Friday“ gab es unter dem Motto „Block Friday“ einen Tanz mit abgestimmter Choreografie zum Song „Staying alive“ an verschiedenen Orten der Innenstadt. Dazu wurden Flugblätter mit Konsumkritik an langen Haltern verteilt, um in der Pandemiezeit den Abstand zu Passant*innen halten zu können. Es gab Transparente mit der Aufschrift „Wir konsumieren uns zu Tode“ oder „Alle reden vom Klima. Wir zerstören es.“ Ein klarer Appell an die Pandemie-geplagten Besucher*innen der Innenstadt, besser nichts zu kaufen.

Zuhause angekommen, tauchte dann zuerst ein Tweet auf, der mit XR FR verlinkt war und der sich kritisch gegenüber der Aktion äußerte. Es ging dem*r Twitter-Nutzer*in darum, dass manche Menschen aus finanziellen Gründen vielleicht solche Angebote, wie am Black Friday bräuchten. Für mich ein sozial-moralisches Argument, das sicherlich nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist.
Kurze Zeit später tauchte dann ein Twitter-Bild von eben diesem*r Nutzer*in auf, das auf dem Boden vor einem Schaufenster liegend ein Flugblatt der Aktion zeigte und daneben ein schnell geschriebenes Pappschild mit der Aufschrift: „Dein Weihnachten – Made in China!“ Auch nach der Durchsicht aller Aktionsfotos und Video ließ sich dieses Schild auf der Aktion nicht finden. Deshalb gibt es die Vermutung, dass dieses Foto gefakt war.

Das Bild wurde von #IchBinKeinVirus weiter verbreitet, einer Gruppe, die sich gegen anti-asiatischen Rassismus wegen der Covid-19-Pandemie zur Wehr setzt und die Extinction Rebellion Freiburg und seiner Aktion eins vorwarf: Anti-asiatischen Rassismus. Es brach ein Shitstorm über den XR FR-Instagram und Facebook-Account herein.

Leider wurde weder die Aktion im Anschluss reflektiert, noch wurden die Umstände genauer untersucht. Im Gegenteil. Das vermutlich gefakte Schild „Dein Weihnachten – made in China“ wurde von Aktivist*innen verteidigt. Ich finde die Geschehnisse nach wie vor sehr spannend. #IchBinKeinVirus und Extinction Rebellion sehen sich beide selbst in einer progressiven und anti-rassistischen Ausrichtung und trotzdem fand hier ein Konflikt auf Social Media statt, in dem XR empfohlen wurde, an seinen Rassismen durch Workshops zu arbeiten, was natürlich nicht passierte.

In meiner Wahrnehmung kam es dazu vor allem durch konkurrierenden Moralismus. Die/der #IchBinKeinVirus-Aktivist*in hatte sich durch den Moralismus der Aktion in ihrem Shopping angegriffen gefühlt und antwortete mit ihrem Moralismus.

Ein weiteres Erlebnis aus dem Dannenröder Wald hat mit XR selber weniger zu tun, dafür mit der Klimabewegung. Wir hatten für die „Klettervistis“ eingekauft und diverse Lebensmittel mitgebracht, darunter auch Katjes Süßigkeiten, einem Hersteller vegetarischer Gummibärchen. Jedenfalls wurden davon zwei Packungen abgelehnt, weil sie eben nur vegetarisch und nicht vegan waren. Die Gummibärchen selber essend wurde ich von einem sehr jungen Menschen angesprochen, dass ich die hier bitte nicht essen solle, weil es in diesem „Barrio“ (der Bezeichnung der Baumhausdörfer im Wald) Konsens sei, nur vegane Nahrung zuzulassen. Das war und ist für mich auch völlig in Ordnung. Nur wurde ich einige Zeit später innerlich wirklich sauer, als ich eben diesen Menschen mit einem Apple-Handy sah.  Ich hab große Bewunderung für Menschen, die ihre gesamte Ernährung umstellen, um vegan zu essen, mir war aber bewusster Konsum seit der Lektüre von Naomi Kleins „No Logo“ und „Schwarzbuch Markenfirmen“ Anfang der 2000er Jahre immens sehr wichtig. Und Apple wird eben bei Foxconn produziert, einem Unternehmen, das für seinen schlechten Umgang mit Mitarbeitern bekannt ist und in dem sich regelmäßig Mitarbeiter wegen des Arbeitsdrucks umbrachten. Zudem stammt das Kobalt in Apple, wie auch von anderen Handys zu großen Anteilen aus dem Kongo, weshalb ich selbst erst ein Handy kaufte, als das fair gehandelte Fairphone auf dem Markt erschien. Kurzum: Eine Vanity Fair der Moralismen. In der heutigen Generation von Aktivist*innen spielt Veganismus eine große Rolle. In der Zeit der globalisierungskritischen Bewegungen war es der faire Handel, der zum Schick in der Bewegung zählte.

Etwas zugespitzt: Wie können Klimaaktivist*innen am besten ihre Gäste verzücken? Mit „freeganem“ Essen. Ein Wort, das ich selbst erst lernen musste. Das Essen ist also nicht nur vegan, sondern wurde auch aus dem Container eines Supermarktes ‚containert‘, also vor der Entsorgung gerettet und war somit „free“. Das ist das neue Schick.

Und wie könnte man sich in einer Ortgruppe der Klimagerechtigkeitsbewegung am schnellsten unbeliebt machen? Während des Ortsgruppen-Treffens, weil mensch vorher keine Zeit hatte, einen Döner Kebap essen. Mit Fleisch.

An „Go“ und „No Go“ lassen sich die Werte eine Gruppe ablesen. Als Problem der Bewegung sehe ich die Momentaufnahme. Vielleicht war der Döner Kebap das erste Fleisch, das dieser fiktive Mensch in den letzten 6 Monaten gegessen hat. Sehr oft – so nehme ich das in Gesprächen wahr - blicken Aktivist*innen auf einzelne Beobachtungen, die sie dann als Regelmäßigkeit kritisieren, sehen aber nicht den Prozess und die positiven Entwicklungen, die einzelne Menschen und die gesamte Gesellschaft unternehmen.

Identitätskonflikte – „Was ist Extinction Rebellion?“ und der Streit darum innerhalb der Gruppen:

Als ich im Herbst 2019 zu XR FR kam, waren die Kämpfe um die Identität der Gruppe wahrscheinlich nicht so sichtbar. Zumindest konnte ich mir noch sehr wenig einen Reim auf die teils erbittert ausgetragenen Diskussionen machen. Beim Reflexionstreffen nach der Rebellion Wave 2019 schien es unter anderem um die Frage zu gehen, ob XR denn mehr durch Aktionen oder durch eine gelebte Utopie wirksam würde.  Mir damals unbegreiflich war der bereits erwähnte heftige Streit zwischen einem eher älteren Aktivisti und dem*r Gründer*in von XR über diese Frage, in der dann die Identität des Aktivisten als Mann eine herausragendere Rolle zu spielen schien als sein Argument, dass es doch vor allem um Aktionen ginge.

Einen zweiten Eindruck von Konflikten um die Identität erhielt ich, als ich eine*n Aktivist*in der ersten Stunde bat, ein Musikvideo einer neuen Aktivistin in den Facebook-Kanal von XR FR zu stellen. Letztere hatte Lieder am Flügel mit sehr treffenden Texten komponiert und erstmals in ihrem Leben ein Video von sich und ihrer Musik auf YouTube gestellt. Der Song „die Klimatologenballade“ erzählt von dem Klimatologen, der gerne Virologe wäre, weil man auf die ja hört. „Supermom“ erzählte von der Mutter, die sich bemühte Abfall und CO₂ beim Pausenbrot der Kinder durch Mehrweg zu vermeiden und die in der Zeitung von den Abermillionen Tonnen CO₂ liest, die durch eine politische Entscheidung weiter ausgestoßen werden. Ich persönlich fand und finde die Lieder und Texte sehr treffend und für mich macht genau so etwas eine Bewegung aus: Die Verbindung von Kultur und politischen Anliegen.

Nicht so der für Facebook verantwortliche Mensch. Dieser Mensch selbst war kurz vorher, im ersten Lockdown und zum ‚Overshoot Day‘, dem Tag, an dem Deutschland alle Ressourcen verbraucht hat, die dem Land in diesem Jahr zustehen, zu einer Aktion aufgebrochen. Die Aktion bestand aus wenigen Aktivist*innen, die auf dem menschenleeren Platz der Synagoge in einer geometrischen Figur angeordnet standen und Schilder zum Overshoot Day in die Kamera hielten. Die Fotos dieser Aktion aus allen erdenklichen Perspektiven, Portrait, Schild und Panoramafoto wurden über fast 10 Tage quasi täglich gepostet, während den Musikvideos mit Eigenkompositionen das Posten auf FB verweigert wurde.

„Eigenkomponierte Lieder sind nicht XR“…oder nicht für jede*n.

Als zwei der Menschen, die an der Overshoot Day Aktion beteiligt waren und sonst viele Wochen zuvor nicht mehr in OG-Treffen waren erstmals wieder im OG-Treffen auftauchten, herrschte eisige Stimmung und die „Musik-Aktivistin“ hatte das Gefühl, etwas Falsches getan zu haben. Übrigens wurde diese Aktivistin aufgrund ihres Klimatologen-Songs von Joachim Schellnhuber, dem wohl bekanntesten deutschen Klimaforscher, ins Potsdam Institut eingeladen.

Ein weiterer spannender Konflikt ereignete sich nach der Besetzung von Parkplätzen in Freiburgs Innenstadt durch Hochbeete. Nachdem diese Hochbeete erst unter Protest und in einem Fall sogar mit unnötiger Polizeigewalt geräumt und dann – nach einem Gespräch mit der Stadtverwaltung – eine „Verstetigung“ (Verwaltungssprech) erhielten, also offiziell genehmigt wurden. Die Menschen, die dieses Gespräch mit Baubürgermeister Prof. Haag gehalten hatten, berichteten im OG-Treffen vom Erfolg der Verstetigung und einer dieser Menschen machte den Vorschlag, auch „Ruhebänkchen aus Paletten“ von XR in der Stadtmitte aufzustellen. Der Kommentar eine*s/r anderen Aktivist*in, dass…

‚…wir jetzt aber bitte nicht die Hochbeete-Bauabteilung des städtischen Bauhofs“…

…werden, muss den vorschlagenden Menschen wohl dazu gebracht haben, in den kommenden Tagen und Wochen oft von der ‚Arroganz der Klimaaktivist*innen‘ zu sprechen.

Ein weiterer Konflikt um die Identität von XR ereignete sich, als Aktivist*innen der ersten Generation wegen des drohenden Kohleausstiegsgesetzes – besser „KKW-Erhaltungsgesetz“ (bis 2038 !!) - eine Sitzblockade vor der SPD-Zentrale FR planten. Das Video-Meeting zur Besprechung der Aktion hatten sie terminlich genau auf den Samstag gelegt, als knapp 30 Aktivist*innen der Ortsgruppe das erste Mal nach dem ersten Lockdown in Aktion waren. Als dann am folgenden Tag Bedenken gegen die Planung geäußert wurden, wendeten sich die Aktivist*innen scheinbar beleidigt ab.

So ist der Kampf um die Definition, was Extinction Rebellion tatsächlich ist, ein Kampf, der geführt wurde, geführt wird und geführt werden wird. Es gab bei den FRebels immer wieder einzelne Menschen, die sich stärker radikalisierten, ‚fettere Aktionen‘ wollten und dabei auch nicht zimperlich mit Anderen umgingen. So traf die Ortsgruppe nach erfolgreicher Besetzung von Parkplätzen durch Hochbeete der Vorwurf eine*r/s anderen Aktivist*in, dass das ‚Wohlfühl-Aktivismus‘ sei und sehr gut zu ReKu-Zwecken (Regenerations-Kultur). Wir müssten aber viel, viel mehr Druck aufbauen. Die/der Aktivist*in selbst war zuvor bei diversen Aktionen hoher Repressionsgefahr unterwegs, u.a. bei der Blockade von Starts auf einem Regionalflughafen.

Insgesamt scheint die Frage nach der Ausrichtung bei XR – im Vergleich zu Bewegungen mit klaren definierten Aktionsformen, wie Ende Gelände oder Fridays For Future – durchaus umstritten zu sein. Die Rebellion Wave 2020 in Berlin hatte aus meiner Sicht eine exzellente Ausrichtung. Es wurden die „Blockierer blockiert“. Es gab Aktionen vor der DEGES, der Autobahnbaugesellschaft, vor Wirtschafts-, Agrar- und Verkehrsministerium. Die Strategie hatte sich gegenüber 2019, als Brücken und Kreisverkehr blockiert wurden, deutlich verbessert. Nur die Zahl der Aktivist*innen war auf ein Zehntel gegenüber 2019 geschrumpft.

Die Diskussion darum, ob gezielt problematische Unternehmen und Einrichtungen wie RWE oder Heidelberg Zement blockiert werden, oder ob durch öffentlichkeitswirksame Aktionen die Allgemeinheit auf die Dringlichkeit der Klimakrise aufmerksam gemacht wird, ist nicht entschieden. Eine Abstimmung im Rahmen einer Umfrage in der OG FR ergab im Januar 2021 eine große Unterstützung für beides.

Ich persönlich sehe weitere Appelle an eine post-pandemische Öffentlichkeit, die in Umfragen mit 70-80% sich entschlosseneren Klimaschutz wünscht, eher kritisch, vielleicht sogar kontraproduktiv.


Schlussfolgerungen:

- Auch in Gruppen von Extinction Rebellion wird nur das „sozial Erwünschte“ offen ausgesprochen

- CO₂-sparen wird als so wichtig gesehen, dass dadurch Aktionen beinahe unmöglich werden

- Der XR-Moralismus nimmt einzelne Beobachtungen tendenziell pars pro toto – verallgemeinert sie – und ignoriert so Entwicklungsprozesse von Individuen und Gesellschaft

- In links-ökologischen und progressiven Gruppen gibt es eine Art ‚Vanity Fair‘, einen Catwalk der Moralismen, was vielleicht eine Folge linker Identitätspolitik ist.

- Auch in der OG FR gibt es starke Tendenzen nicht zu hören, was gesagt wird, sondern wer es sagt

- Es gibt einen sehr starken, aber unterschwellig geführten Kampf, was Extinction Rebellion ist

- Extinction Rebellion appelliert weiter an die Öffentlichkeit und weckt dadurch – bewusst oder unbewusst – Schuldgefühle und Gegenreaktionen

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Teil 4: „What do we want? Climate justice?“


- Selbstzweifel

- Extinction Rebellion als Projektionsfläche für Wünsche und als Selbstbedienungsladen

- Der Wunsch nach einer harmonischen Gruppe…

- …und die realen Konflikte



Selbstzweifel
Im Spätsommer 2020 war der Konsens in der Ortsgruppe, dass neue Aktivist*innen vor allen durch Aktionen gewonnen werden könnten. Eine vor dem ersten Lockdown geplante und XR-typische Aktionsform – Straßenblockaden und Swarmings – wurde erneut geplant und knapp 20 Aktivist*innen trafen sich an einem Samstag zu Blockaden für jeweils wenige Minuten an bestimmten Kreuzungen und dem Ziel, die Autofahrer*innen und Passant*innen auf die Klimakrise und das Erfordernis, schnellen und umfassenden Handelns, aufmerksam zu machen. Als die erste Blockade am Schwabentor gelaufen war, traf sich die Gruppe mit Fahrrädern am Freiburger „Tanzbrunnen“. Ein – wie auf XR Aktionen üblicher Ruf eines Aktivisti, „EXTINCTION“, wurde dann nur von Wenigen mit dem „REBELLION!“ beantwortet, dass noch auf der Rebellion Wave 2019 allerorten zu hören war, sondern mit:

„Äh, wir wollten doch nach Roger Hallams Aussagen eigentlich nicht mehr ‚Extinction Rebellion‘ rufen.
Ein*e neue*r Aktivist*in, der/die erst vor wenigen Monaten dazugekommen war, meinte dann in einer Runde zur Zwischenreflexion wahrscheinlich wegen der erzürnten Autofahrer*innen: „Was mache ich hier überhaupt?“, wodurch die Zwischenreflexion dann auch zur Abschlussrunde wurde.

XR als Projektionsfläche für Wünsche und als Selbstbedienungsladen

Der Wunsch nach einer harmonischen Gruppe…

Ich selbst hatte bei den Aktivist*innen von XR Freiburg, aber auch auf Bundesebene immer eine sehr ausgeprägte Freundlichkeit – zumindest an der Oberfläche – wahrgenommen, ähnlich wie eine Art Achtsamkeit, was ich insgesamt als ein Harmoniebedürfnis sehen möchte. Insbesondere zwei sehr ähnliche Erlebnisse bringen mich zu dem Schluss, dass Konfliktvermeidung und eine „wir-haben-uns-alle-lieb“-Situation speziell für Menschen mit ‚psychological issues‘ in der Gruppe von hoher Wertigkeit, wenn nicht sogar essenziell sind.  Wir hatten damals nach dem Vorbild der Plena bei Ende Gelände bei den Treffen die Awareness-Aufgabe eingeführt. Dabei wurde von einem Menschen beobachtet, ob beim Treffen die Redeanteile gut verteilt sind, ob Frauen und Männer gleichermaßen zu Wort kommen, ob sich Menschen um gewaltfreie Kommunikation und eine geschlechtergerechte Sprache bemühen. Nach jedem Treffen gab der Awareness-Mensch der Gruppe ein allgemeines Feedback.
Was danach passierte: Bei einem Präsenz-Ortsgruppen-Treffen bezog sich ein Mensch in seinem Redebeitrag auf die mimische Reaktion eines Menschen gegenüber, von dem er dann auch eine heftige Gegenreaktion zum Schrecken aller erhielt. Darauf folgte erst ein langes Schweigen in der Gruppe und anschließend drei kurze Versuche, die Harmonie wieder herzustellen. Im Feedback des Awareness-Menschen hieß es dann, alles sei in Ordnung gewesen. Ähnlich verhielt es sich zu anderen OG-Treffen, als ein Mensch – wohl aufgrund seiner Begeisterung für seine selbst entworfenen Aufkleber – viel zu viel Raum und Zeit einnahm und bereits mehrere Menschen körpersprachlich – durch einen mit Händen geformten Kreis – bedeuteten, er möge bitte endlich zum Ende kommen und der Mensch trotzdem immer weiter erzählte. Der Awareness-Mensch gab am Ende das Feedback, dass alles bestens gewesen sei. Insgesamt brachte die Einführung dieser Awareness-Funktion meiner Erinnerung nach nicht ein einziges Mal ein kritisches Feedback.

…und die realen Konflikte:

Die Bezeichnung der Freiburger XR OG als „Selbsthilfegruppe“ stammt von einem Menschen der Gruppe, der selbst einen Psychologie-Hintergrund hat und deshalb nicht zu den Treffen der OG kommen könne, weil sie zu stark an die Arbeit in Selbsthilfegruppen erinnere. Es handelt sich dabei aber keineswegs um die einzige psychologische Begrifflichkeit, die in der Gruppe regelmäßig und von verschiedenen Aktivisti verwendet wurde. So wurde über andere Aktivisti und auch Psychologie-Kolleg*innen gesagt, sie wären ‚passiv aggressiv’, sie würden andere Menschen manipulieren oder ein Aktivist hätte ‚dekompensiert‘, nachdem ein Streit ausgebrochen war. Als dieser Streit damals entstand, brachte sich ein anderer Mensch ganz schnell in die Position der Entscheider*in, was die nicht geringen Finanzmittel der Ortsgruppe betrifft. Ein Mensch wurde und wird hinter vorgehaltener Hand gerne belächelt, weil sein Vater einem parapsychologischen Verein vorsteht. Es gab Versuche, andere Menschen auszugrenzen, in denen eine Aktionsgruppe vor die Wahl gestellt wurde, „dieser Mensch oder ich?“. In Ortsgruppen-Treffen und in der digitalen Kommunikation gab es Schuldzuweisungen inklusive Fingerzeig, Unterstellungen böser Absichten, gezieltes Streuen von Lügen und in mehreren Situationen wurden das OG-Treffen und die digitalen Kanäle der Gruppe zu einem regelrechten Tribunal, in dem Menschen an den Pranger gestellt wurden. All dies passierte in Anwesenheit und unter Mitwirkung von Menschen, die durch ihre Profession mit Situationen umzugehen gelernt haben.

In einem Fall wurde das Handy-Adressbuch eines Menschen sichtbar, in dem er einen anderen XR-Menschen mit dem Zusatz „HASS“ führt. Das problematischste Muster der Freiburger Ortsgruppe aus meiner Wahrnehmung ist es, Menschen in AGs, in OG-Treffen, in gemeinsamen digitalen Kanälen nicht nur zu beschuldigen, sondern an den Pranger zu stellen. In einem Fall sprach ein Mensch von einem Tribunal, ein anderer von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die er in der Ortsgruppe Freiburg erlebt habe. Ich selbst musste miterleben, wie Aktivist*innen nach erfolgreichen Aktionen angegangen wurden und dann die Gruppe verließen und mehrfach wie sich mehrere Menschen in dieser angeblich achtsamen Gruppe über einzelne andere in einem öffentlichen Kanal ausließen. Das Bedürfnis nach Harmonie, die Prinzipien der Achtsamkeit und vordergründige Herzlichkeit stehen im krassen Gegensatz zu den Konflikten, die nicht nur unter der Oberfläche existieren und scheinbar nicht ausgesprochen werden können. Es gibt Stimmen innerhalb der Ortsgruppe, die dafür die falsch verstandene Gewaltfreie Kommunikation (GfK) verantwortlich machen. Es verwundert mich deshalb auch nicht, dass die meisten Menschen die Ortsgruppe auch bald wieder verlassen. Andere sind seit Anfang da. Die Fluktuation ist riesig und zeigt, dass die Gruppe kaum oder gar keine Kohäsion besitzt.

Schlussfolgerungen:

- Der Kampf um die Identität der Gruppe führt zu Selbstzweifeln bei Aktionen

- Es gibt starke interne Konflikte, die durch eine freundlich-achtsame Oberfläche kaschiert werden

- Awareness-Beauftragte und Menschen mit einschlägigen Professionen schauen weg

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Teil 5: „What do you mean by ‘activism’?“


- Versuch einer Typologie – Beteiligungstypen

- Minimales Engagement für maximales Selbstbild

- Wunsch nach Selbstwirksamkeit

- Eine Kommunikationsplattform, die alles kann

- Kritik und Kampf in alle und aus allen Richtungen

Versuch einer Typologie - Beteiligungstypen:
In der Ortsgruppe hatte ich in 18 Monaten ganz unterschiedliche Beteiligungstypen erlebt. Dazu gehörten:

- Menschen mit beschränktem Zeitbudget, die aus familiären oder beruflichen Gründen einfach nicht mehr machen konnten.

- Menschen mit offenem Zeitbudget, die bereit waren, alles andere stehen und liegen zu lassen, um aktiv zu werden

- Menschen, die pragmatisch und aktionsorientiert alles daran setzten, einen gemeinsamen Plan zum Erfolg zu führen.

- Menschen, denen vor allem die Harmonie in der Gruppe wichtig war und/oder die bereit waren, die Gruppe mit Leckereien aus dem Food Sharing Programm oder durch Selbstgebackenes zu unterstützen und zu bewirten, dafür weniger in Aktion gehen wollten.

- Menschen, die ihre Beteiligung in bestimmten Aktionsformen einschränken mussten, weil sie die Reaktion von Passant*innen oder auch die nervliche Belastung fürchteten

- Menschen, die nur bei großen Protesten und auf Bundesebene dabei sein wollten, aber keine Verantwortung in der Ortsgruppe übernehmen wollten.

- Menschen, die durch ihre Fotos und die Darstellung des Protest auf ihren Social Media-Profilen vor allem den Protest als Selbstzweck und eine Art ‚Revolutions-Ästhetik‘ zu feiern schienen.

Und:

- Ausgesprochen selten, aber doch dabei waren Menschen mit minimalem Engagement für ein maximales Selbst- und Fremdbild als Aktivist*in.

Minimales Engagement für maximales Selbstbild

Insbesondere ein Mensch in der Gruppe gab mir sehr viel zu denken. Als Aktivist*in der Anfangszeit war er/sie immer bedacht darauf, sich selbst nicht zu sehr oder auch gar nicht mit Aufgaben zu belasten, hatte zwar immer eine teils auch starke Meinung zu verschiedenen Fragen sowie immer Emojis und Herzchen in Chats. Ging es dann aber um Aktionen, hatte dieser Mensch keine Zeit, kam später dazu oder suchte eine Möglichkeit, sich minimalst zu beteiligen. Als die Hochbeete zur Parkplatzbesetzung fertiggestellt waren, bot dieser Mensch dann großzügig zwei ( ! ) Pflanzen an, die bei ihm in seinem Viertel abgeholt werden könnten. Es ist der gleiche Mensch, der mich mehrfach dann in Aktionen fragte, ob ich ein Foto von ihm und bspw. einem Protestschild machen könne, ob ich die Fotos zuschicken oder eine Szene mit ihm aus einem Aktionsfilm schneiden könnte, weil die darauf zu sehende Hose von Kolleg*innen oder Freund*innen erkannt werden könnte. Beispielhaft an diesem eigentlich auch sehr liebenswürdigen Menschen möchte ich die These formulieren, dass Aktivismus, insbesondere Klimaaktivismus eben auch zu einer positiven Selbstwahrnehmung und zu einem bestimmten Image bei Bekannten und Verwandten führen kann.  Sehe ich mir die vielen positiven Reaktionen und unterstützenden Worte an, die ich selbst während der Rebellion Wave 2019 von Freunden für meinen Blog erhielt, sehe ich mich auch selbst damals nicht frei von diesem Gefallen eines gewissen Selbstbildes als Aktivist.

Ein letzter Gedanke und Vergleich hierzu: Um wie viel ehrenvoller ist dann das Ehrenamt, in der Hospizbewegung alte und sterbende Menschen zu begleiten und wie viel weniger Anerkennung erhalten diese Engagierten?

Wunsch nach Selbstwirksamkeit

Ich möchte an dieser Stelle gerne die These in den Raum stellen, dass sich Menschen neben einem positiven Selbstbild und Image im Aktivismus vor allem nach einem sehnen, - und das ist Selbstwirksamkeit. Aktivist*innen möchten die Öffentlichkeit auf ein drängendes Problem aufmerksam machen und zu Änderungen bewegen, die das Problem mildern oder lösen. Nicht wenige sehen sich, sobald sie nach Aktionen zu Hause angekommen sind, die Reaktionen in den Medien an. Wie viele Menschen waren auf einer Demo? Wie schreibt eine XY Zeitung über die Aktion? Wie reagieren die Menschen auf Social Media?

Für mich zeigt sich darin eine vorrübergehende Befreiung aus einer Ohnmacht, in der wir alle in Bezug auf eine Menschheit leben, die in ihrer Gesamtheit eher zerstörerisch auf andere Arten und Ökosysteme wirkt. So ist es auch wenig verwunderlich, dass Aktivist*innen ihre eigenen Handlungen sehr wenig in Frage stellen.

Eine Kommunikationsplattform, die alles kann

Es hat wohl ein Stückweit damit zu tun, dass in einer aktivistischen Gruppe Menschen davon überzeugt sind, für das per se Gute zu stehen. Im Falle einer Klimagerechtigkeitsgruppe, die auch gegen das 6. große Massenaussterben kämpft, geht es in der Summe um nichts weniger als „die Rettung der Welt“ oder wie es ein Mensch in vielen Ortsgruppen-Treffen immer wiederholte: „Ich danke Euch, dass Ihr helft, die Welt für meine Tochter zu retten.“ Freilich lässt die Überzeugung, für das Gute und gegen das Schlechte der Welt zu kämpfen, Menschen unreflektiert die übelsten Dinge tun. Beispielhaft sehe ich da Menschen in religiösen Gruppen, in denen oft die vordergründig Frommsten zum Schlimmsten fähig sind.

Die Plattform XR Pilot und ihr Test in einigen Ortsgruppen, wie Freiburg und Hannover, sollte ein Problem der Bewegung lösen helfen: Für die vielen verschiedenen Anwendungen, von Messenger-Diensten, wie Signal und Telegram, von Mattermost für die Zusammenarbeit von Teams bis zu den verschiedenen Wikis brauchten Aktivist*innen oft etliche Zugänge und Infos, wo Informationen zu finden sind und wie man rankam. In bester Absicht machte sich eine Projektgruppe (PG) an die Erarbeitung einer – dieses Mal kommerziellen - Woltlab-Anwendung. Wenig bedacht wurden dabei Aspekte, wie die Besitzstrukturen und die dezentrale Struktur von Extinction Rebellion Deutschland, weshalb es in den verschiedenen Test-Ortsgruppen auch immer wieder zu Konflikten mit den Admins kam, die in mindestens zwei Fällen sogar eine Mediation brauchten. Sehr spannend auch, dass die Admins des Piloten als IT-affine Menschen und Gamer ihre Gamer-Namen als Aktivisten-Namen beibehielten. Ein Admin hatte zuvor nicht wenig privates Geld investiert, um Lizenzgebühren, Domain und einen Schulungsraum für die Einführung der Ortsgruppe in die neue Software zu mieten. Auch die liebenswürdigerweise für alle gekauften Butterbrezeln trugen wohl dazu bei, dass dieses Pilotprojekt einer Kommunikationsplattform unbedingt ein Erfolg werden musste und das Kritiker*innen von den Admins folglich auch als Gegner*innen der Plattform und Gegner*innen von XR gesehen wurden und von den Admins beständig bekämpft wurden. Der Grund hierfür war wohl auch, dass die Plattform, die mit viel Liebesmühe, privatem Geld und das tägliche, händische  Übertragen von Inhalten, von der Mehrzahl der  Aktivist*innen überhaupt nicht angenommen wurde und immer noch nicht in geplanter Form angenommen wird.

Mangels Abstimmung mit anderen AGs in der Ortsgruppe, begann die Plattform XR Pilot eine Art Eigenleben zu führen. In Freiburg registrierten sich rund 120 Menschen, die an XR interessiert waren auf der Plattform, bekamen eine Antwort vom System, aber keinen Kontakt in die Gruppe. Auf der anderen Seite erhielten Menschen, die sich dort anmeldeten, ohne Probleme Zugriff auf sämtliche Interna und teils auf strafrechtlich relevante Aktionsplanungen.

Die Ortsgruppe Freiburg betreffend, gab es in der Folge bereits zwei Mediationen, deren Lösungen einmal drei Monate und das zweite Mal nur drei Wochen Bestand hatten. Aktuell (Ende Mai 2021) beschäftigt und lähmt der daraus resultierende Konflikt die gesamte Ortsgruppe in ihren Aktivitäten. Ein Awareness-Team formierte sich,  in dem – was gar nicht leicht war – kein Mensch sein sollte, der selbst schon mal in einen Konflikt involviert war. Als einem der Menschen, der sich für dieses Team meldete, wegen seiner bewussten oder unbewussten Verwicklung in einen Konflikt das Vertrauen nicht ausgesprochen wurde, ermächtigte der sich dann einfach selbst zur Vertrauensperson und wurde von den überwiegend neuen Aktivistis des Awarenessteams wegen seiner langen Erfahrungen bei XR FR dann auch „behalten“.

Kritik und Kampf in alle und aus allen Richtungen

Die Kritik anderer Bewegungen an XR ist kräftig und kommt aus vielen verschiedenen Richtungen. Ich traf zuerst auf Kritik anderer Gruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung. XR Aktivist*innen in Hamburg waren damals mit in einer Straßenblockade gesessen. Als aus der Blockade heraus die Polizei beleidigt wurde, verließen die XR Aktivist*innen die Blockade, weil der XR-Grundsatz der Gewaltfreiheit in Wort und Tat verletzt wurde, was aber von den anderen Gruppen als extrem unsolidarisch angesehen wurde. Es handelte sich um keine XR-Aktion.

Auch in Freiburg scheint XR einige Gegenspieler zu haben. So wurde ein XR-Hochbeet, das auf dem Hinterhof des Studienrates abgestellt worden war, an den Stellen, an denen das XR-Logo zu sehen war, mit Farbe verschmiert.

Aktivist*innen von Fridays For Future zeigten sich sehr besorgt und lehnten eine gemeinsame Aktion gegen Siemens ab, bei der verbrannte Bäume zum Aktionsbild gehörten. Die viel jüngeren FFF-Aktivist*innen sahen sich in der Verantwortung gegenüber noch jüngeren Schüler*innen, die ohnehin schon große Angst vor der Klimakrise hatten. Das war in der Zeit der großen australischen Buschfeuer und – wie mir scheint – zeigten die FFF-Aktivist*innen damit so viel mehr Feingefühl dafür, was bestimmte Narrative auch mit den Demonstrierenden machen.

Im Dannenröder Forst, wo Wald-statt-Asphalt als Bündnis vieler verschiedener Aktionsgruppen ein Banner aufgehängt hatte, wurde das XR Logo von Baumaktivist*innen heraus geschnitten, die sich dafür später aber entschuldigten. Das Problem für sie: Die mangelnde Abgrenzung nach rechts.

Die nun folgenden politische Kampfbegriffe, die auch innerhalb der Bewegung verwendet werden, zeigen vielleicht auch die einerseits idealistische, andererseits kampf- und verurteilungsbereite Haltung innerhalb von XR, aber auch innerhalb anderer Bewegungen der Klimagerechtigkeit:

Ich kannte den Begriff „Ökofaschismus“ immer nur als Extremstelle von Neurechten und Rechtspopulisten, die vor den Grünen oder vor Klimaaktivist*innen warnen wollten, bis der Begriff von XR Menschen selbst verwendet wurde. Anders als ich den Begriff verstanden hatte, meinten sie damit aber eine Haltung, die die Menschheit als Ganzes für die Klimakrise oder das Artensterben verantwortlich macht, wodurch eben auch indigene Völker oder Menschen mit einem sehr kleinen ökologischen Fußabdruck in die Mithaftung genommen würden. Witze, wie der über die Unterhaltung zweier Planeten, bei dem der eine meint, es ginge ihm gar nicht gut, weil er „Menschen habe“, werden als ökofaschistisch gesehen. Die Fakten dahinter, dass die reichsten 20% der Bevölkerung für 80% der Treibhausgase verantwortlich seien, sind nicht falsch. Die Meinung und Haltung aber, dass die Menschen insgesamt eine Belastung für die Ökosysteme darstellen und alle damit verbundenen zynische Witze und Aussagen hatte ich bisher immer als „misanthropisch“, also unspezifisch menschenfeindlich verstanden.

Eigentlich sollte „Mansplaining“ ursprünglich auf insbesondere ältere Männer verweisen, die herablassend davon ausgehen, dass sie mehr wissen, als ihr zumeist weibliches und jüngeres Gegenüber. In Verbindung mit dem Begriff der „toxischen Männlichkeit“ kommen wir zu einem relativ neuen Stereotyp und Vorurteil gegen „weiße alte Männer“, das in der Klimagerechtigkeitsbewegung insgesamt virulent zu sein scheint.

Im Grunde genommen ist es zu begrüßen, dass die Kohorte, die bisher in den meisten Ländern und Kulturen und in fast allen gesellschaftlichen Bereichen die Machtpositionen inne hatten, nun auch als eine Gruppe erkannt wird. Bisher ging man oft davon aus, dass Männer die „Normalmenschen“, also die „Norm“ sind, was sich von der Entwicklung von Sicherheitsgurten für Autos bis zur Medikamentenforschung zeigen lässt. Für Menschen, die gesellschaftliche Entwicklungen und das System insgesamt als toxisch sehen, wie es bei XR immer wieder formuliert wird, werden jene, die vermeintlich das Sagen haben, schnell zum Feindbild. Als Mann ist das ab einem gewissen Alter in der Klimabewegung durchaus spürbar. Bei XR FR gibt es einen Signalkanal für die WAMs, also die „Weißen alten Männer“.

Am wenigsten durchdacht scheint mir der Begriff der „kulturellen Aneignung“ zu sein, also die Kritik an Menschen, die beispielsweise Rastas oder eine Irokesenfrisur, Nasenringe oder einen indischen Bindi tragen. Über „kulturelle Aneignung“ gibt es in der Bewegung Workshops und Menschen, die andere auf dieses „Vergehen an anderen Kulturen“ aufmerksam machen. So wurde auch mir einmal kulturelle Aneignung vorgeworfen, als ich ein Emoji in stärker pigmentierter Hautfarbe verwendet hatte. (Ich hatte das zuvor versehentlich geklickt und brauchte etwas Zeit herauszufinden, wie sich das rückgängig machen lässt.)

Problematisch an dem Begriff ist vor allem, dass er generell Menschen böse Absichten oder mindestens eine fehlende Sensibilität vorwirft. Problematisch ist auch, dass der Begriff geeignet ist, jeden kulturellen Austausch zu unterbinden. So dürften wir streng genommen nicht mal auf Sofas sitzen, die ja asiatischem Ursprung sind. Die Idee, dass bestimmte kulturelle Objekte, Frisuren oder Gewohnheiten nur von den Zugehörigen bestimmter Kulturen getragen werden dürfen, erinnert  sehr stark an die rassistische Identitäre Bewegung und deren „Ethnopluralismus“. Ethnopluralismus gibt sich tolerant gegenüber anderen Kulturen deren Daseinsberechtigung, verweis aber alle Anderen in ihre „geografisch angestammten Gebiete“, wodurch eine Art „Reinheit von Kulturen“ und eine Migrationsfeindlichkeit propagiert wird. Der Kampfbegriff „Remigration“ stammt aus der Identitären Bewegung und fordert die Ausweisung Kulturfremder.

Leider ist auch das Logo der Identitäten Bewegung (IB) optisch sehr ähnlich zum XR-Logo und die Identitäre kopiert vielfach Aktionsformen der linken Bewegungen, in dem sie sich durch Zivilen Ungehorsam mit schnell geschnittenen Videos in den Sozialen Medien für junge Menschen anschlussfähig macht. In beiden Bewegungen dient Angst als Motivation. Bei XR ist es die wissenschaftlich durchaus fundierte Klimaangst, bei der IB ist es die irrationale Angst vor der – Achtung rechte Kampfbegriffe – „Umvolkung“, dem „Bevölkerungsaustausch“, dem „Kulturverlust“ und dem „Volkstod“.

Extinction Rebellion Logo:

Logo der rassistischen Identitären Bewegung:

Das Logo von Extinction Rebellion ist eigentlich sehr aussagekräftig, aber leider auch sehr ähnlich zum Logo der rassistischen Identitären Bewegung. Das Erscheinungsbild beider Bewegungen auf Demonstrationen mit vielen dieser Logos auf Fahnen weist ebenfalls eine erschreckende Ähnlichkeit auf.

Schlussfolgerungen:

- Aktivist*innen haben völlig unterschiedliche Bedürfnisse, die ganz gleich ihrer teilweisen Widersprüchlichkeit unter einem Motto – oft keinem geringeren als der „Weltrettung“ – zusammengefasst werden.

- Dieser überaus hohe Zweck scheint bei vielen Aktivist*innen die Mittel zu heiligen

- Riesige Probleme bleiben über lange Zeit mangels Kommunikation unentdeckt und bestehen

- Oft werden eher andere Aktivist*innen bekämpft als Probleme gelöst

- „Teile und herrsche“ – Die progressiven, linken und ökologischen Bewegungen in Deutschland bekämpfen sich – wie eh und je – eher gegenseitig als gemeinsame Ziele zu verfolgen

- Linke Identitätspolitik und mit ihr politische Kampfbegriffe dienen nicht nur dem berechtigen Kampf gegen Diskriminierung und Missstände, sondern führen vermehrt auch zu internen Kämpfen

- „Die weißen alten Männer“ sind das neue Stereotyp und ein in der KGB verbreitetes Feindbild

- Extinction Rebellion weißt erschreckende Ähnlichkeiten mit der rassistischen Identitären Bewegung auf
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Teil 6: „Round triangles, oxymorons and a series of paradoxes“

- Paradox: Franchise Rebellion vs. Graswurzel Bewegung

- Paradox: Ziviler Ungehorsam in der Geschichte vs. ZU in der Klimagerechtigkeitsbewegung

- Vielleicht das problematischste Paradox der Bewegung: Machtfreiheit

- Strategie – „Was 2019 Aktionsformen von XR waren, wird auch weiter gemacht!“

Ich möchte in diesem letzten Abschnitt – dem Teil 6 - über einige Paradoxe sprechen, die vielleicht in der Klimagerechtigkeitsbewegung insgesamt, bei Extinction Rebellion im Besonderen problematisch sind und potentiell zu Konflikten führen.


Paradox: Franchise Rebellion vs. Graswurzel Bewegung

Zum einen versteht sich Extinction Rebellion als Graswurzel-Bewegung, die sich an der Basis orientiert. Kein Mensch sollte für die Gesamtgruppe sprechen, sondern immer nur für sich selbst. Entscheidungen sollen basisdemokratisch in den Ortgruppen getroffen werden und sogar Straßenblockaden und insgesamt Aktionen des Zivilen Ungehorsams sollen in der Theorie immer von der Basis gesteuert werden. Dafür gibt es Bezugsgruppen, Delegierte und Delegierten-Plena. Die Delegierten entscheiden nicht, sondern geben die Entscheidung ihrer Bezugsgruppe an das Plenum weiter. In der anderen Richtung übermitteln sie der Bezugsgruppe nur Informationen aus dem Delegierten-Plenum.
Im krassen Gegensatz zu diesen basisdemokratischen Strukturen steht das gesamte Konzept von XR, das durch Recherchen, Ausarbeitung von AG-Strukturen, durch das XR-Logo und vorgeschlagene und nachgeahmte Aktionsformen aus dem Vereinigten Königreich von einer überschaubaren Gruppe von nicht einmal zwanzig Personen geplant und implementiert wurde. Die jeweiligen „nationalen AGs“, oder für Deutschland die „AGs auf Bundesebene“ bringen die Ortsgruppen zusammen, helfen aber auch bei der Durchführung von Onboardings, produzieren Aufkleber, Fake-Wahlplakate der CDU, entwerfen Kampagnen, die von den OGs umgesetzt werden….u.v.m. Ich denke, dass das System XR hier einem Franchise-Unternehmen, wie McDonalds oder EDEKA sehr ähnlich ist. Konzept, Logo und Inhalte werden von der höheren Ebene gekauft, aber vor Ort von ‚eigenständigen‘ Aktivist*innen umgesetzt, wir nennen es aber Graswurzelbewegung.

Paradox: Ziviler Ungehorsam in der Geschichte vs. ZU in der Klimagerechtigkeitsbewegung
Ein weiteres Paradox von XR betrifft dessen Markenkern, den Zivilen Ungehorsam. Ziviler Ungehorsam gilt bei XR, wie auch in anderen Klimagerechtigkeitsgruppen als illegales aber legitimes Mittel. Mit dem bewussten Brechen von Regeln und Gesetzen, soll Öffentlichkeit hergestellt und es sollen  Entscheider*innen unter Druck gesetzt werden, ungerechte und falsche Gesetzgebungen zu ändern oder Gerechtigkeit zu schaffen.

Dabei werden gerne historische Beispiele, wie die Bewegung der Suffragetten für das Frauenwahlrecht, die indische Unabhängigkeitsbewegung und Mahatma Gandhi, die schwarze Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King oder auch die DDR-Bürgerrechtsbewegung genannt. Sie alle brachen Regeln, um ihre politischen Ziele durchzusetzen.

Das Paradox liegt in der Kopie dieser Strategie von marginalisierten Gruppen – Frauen zu Beginn des letzten Jahrhunderts, Kolonialisierte, Diskriminierte und Entrechtete – durch eine Gruppe, die sich in großen Teilen aus Menschen zusammensetzt, die selbst eigentlich aus etablierten und oftmals wirtschaftlich gesicherten Milieus unserer Gesellschaften entstammt.

Wiederum augenfällig ist die Ähnlichkeit zu den Aktionsformen der Identitären Bewegung der Neuen Rechten, die immer häufiger durch spektakuläre Aktionen, wie der Besteigung des Brandenburger Tors von sich reden machen.


Vielleicht das problematischste Paradox der Bewegung: Machtfreiheit

„Wir überwinden hierarchische Machtstrukturen“ ist eines der 10 Prinzipien von Extinction Rebellion. Gerade aber in der Arbeit in Ortgruppen zeigt sich, wie schwierig sich das gestaltet. Zwar können koordinierende Positionen, wie die Moderation der OG Treffen, der Zugang zu bestimmten Social Media Auftritten,…rotierend besetzt werden, es müssen sich aber erst Menschen finden, die überhaupt Aufgaben zuverlässig über einen längeren Zeitraum übernehmen und übernehmen wollen. Wie in Vereinen gilt auch bei XR: „Wer viel macht, hat Macht.“ Zwar wird die Überwindung von Machtstrukturen versucht, wer aber länger dabei ist, hat auch automatisch mehr Wissen, mehr Kontakte und mehr Erfahrungen.

In der Tat ist der Hintergrund vieler Konflikte bei XR vermutlich ein Kampf um die Identität der Bewegung, um die Bedürfnisse der einzelnen Rebell*innen und um Macht, wer, welche Aktionen und Strukturen gestaltet. Ein Mensch in der Ortsgruppe stellte einmal die These auf, dass in tendenziell hierarchischen Systemen, wie bspw. Schulen und Verwaltungen, ein gewisser Missbrauch von Macht oder bestimmte Unfairheiten von oben nach unten geduldet würden, während in Bewegungen, die eine „Machtfreiheit“ anstreben, unfaire Kritik und Behandlung von Mächtigeren und Macher*innen durch weniger Mächtige ebenfalls geduldet würden. „I tend to agree with him.“

Keine Gesellschaft, keine Familie und kein Betrieb waren jemals machtfrei. Es gibt immer Machtunterschiede und die einzige Lösung besteht eigentlich darin, dass sich die Mächtigeren als Diener*innen der weniger Mächtigen verstehen. Das falsch und verkürzt verstandene Prinzip der „Überwindung von Machtstrukturen“ führt nicht selten zum Kampf gegen jene, die als mächtiger empfunden werden, oft dazu, dass sich Menschen für Aktionen aus Furcht vor diesem Kampf erst gar nicht „den Hut aufsetzen“ und in allen Treffen der Aktivist*innen, dass Entscheidungen immer sehr langwierig und schwierig, aber nicht unbedingt gerechter sind.

Vielleicht noch ein letztes sehr kurz zu beschreibendes Paradox: Die Bewegung heißt zwar „Rebellion“, will aber das System gar nicht stürzen, sondern die Demokratie durch eine Bürgerversammlung erweitern. Das bringt mich zur Frage:

Kann denn der Umbau aller weltweiten Gesellschaften und Volkswirtschaften von einer bereits rund 200 Jahre andauernden fossilen Entwicklung, hin zu einer erneuerbaren Welt ohne Rebellion und Revolution gelingen? Also der „System Change, not Climate Change?“

Strategie – „Was 2019 Aktionsformen von XR waren, wird auch weiter gemacht!“

Die QWERTZ-Tastatur wird gerne als Beispiel für Pfadabhängigkeit verwendet. Gemeint ist die Anordnung der einzelnen Tasten auf unseren Tastaturen für PCs, für Notebooks und auch für Touchscreen-Geräte, wie Tablets oder Handys. Die Anordnung der Buchstaben erfolgte in der Zeit mechanischer Schreibmaschinen, als die Schlegel besonders häufig vorkommender Buchstaben möglichst weit voneinander weg liegen sollten, damit sie sich beim Schnellschreiben nicht ineinander verhaken. Warum wurde das nie geändert? Längst hätte es die Möglichkeit gegeben, mit einer Anordnung bspw. der Ergonomie unserer Hände folgend anzuordnen.

Es sind die Gewohnheiten und Strukturen, die solche Änderungen schwierig machen. Es sind auch die Gewohnheiten und Strukturen, die entschlossene klimafreundliche Veränderungen schwierig machen. Es sind genau die Strukturen, gegen die die Klimagerechtigkeitsbewegung kämpft. Charles Darwin wird mit seinem „Survival of the fittest“ oft so verstanden, als dass die Stärkeren überleben würden. Richtig ist, dass die Anpassungsfähigsten überleben können und genau das ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts mit seinen vielfältigen und sich beschleunigenden Veränderungen: Anpassungsfähigkeit.

Als Extinction Rebellion 2018 gegründet wurde, war das neoliberale System noch im vollen Wachstum begriffen und erschien als eine unaufhaltsame Maschine. Die Erkenntnisse der Klimaforschung, dass die Welt tatsächlich nur noch 10-15 Jahre Zeit habe, um umzusteuern, waren noch sehr jung. Es brauchte damals die Schülerstreiks und Großdemonstrationen von Fridays For Future und auch die spektakulär-künstlerischen Aktionen von XR, die sich an die Öffentlichkeit wandten.

Drei Jahre später befindet sich die Menschheit in einer Pandemie, die von einer Zoonose ausgelöst wurde. Vielen Menschen erscheint die Pandemie als eine Art Hinweis, dass wir nicht so weiter machen können. In Umfragen geben zwischen 60 und 80% der Bundesbürger*innen an, dass mehr für den Klimaschutz getan werden muss. Die Grünen befanden und befinden sich teilweise noch in Umfragen im Höhenflug und selbst die CDU/CSU macht Wahlkampf mit dem Klimathema. Um Deutschland herum wird in etlichen Ländern teils drastisch reagiert. Die niederländische Regierung wurde vom Verfassungsgericht zu einer 25%igen Senkung des CO₂-Ausstoßes verpflichtet, Spanien führt Tempo 30km/h in allen Städten ein, die französische Regierung übernimmt fast alle Forderungen der dortigen Klima- Bürger*innenversammlung, Länder wie Kalifornien, Großbritannien oder Norwegen haben den Verbrennungsmotor verboten und in Deutschland verpflichtet das Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung beim Klimaschutz nachzubessern, um damit die Freiheit der kommenden Generationen zu schützen und beruft sich dabei auf die Berechnung des CO₂-Budgets. Macht es also noch Sinn, weiter an das Gewissen der Öffentlichkeit zu appellieren?


„Es nützt nichts, immer nur an das schlechte Gewissen des einzelnen zu appellieren, weil er gewissermaßen ein Millionstel Verantwortung für die Zukunft der Erde trägt.“  („2084 Noras Welt“ Jostein Gardner)


XR scheint in Teilen immer noch den vorpandemischen Gewohnheiten, dem XR-QWERTZ anzuhängen. Damit verbunden ist, was ich die „große Apokalypse-Show“ nennen möchte.

Ich sehe die Aktivist*innen von Extinction Rebellion inzwischen als die „Canaries in a coalmine“. Kanarienvögel wurden von Bergleuten früher in Käfigen mit in den Schacht genommen. Wenn sie im Käfig von der Stange fielen, wussten die Bergleute, dass sie die Mine schnell verlassen mussten, weil Gas in den Schacht eintrat. Genau so sollte die Gesellschaft das Auftauchen von Gruppen, wie XR verstehen: Als dringender Imperativ, sofort zu handeln.


Canaries in a Coalmine – Bukahara:

https://open.spotify.com/track/7GGWY6lIIfOf3e7wHPmFsw?si=8DdYPRlDT6exfF7COajwxw&utm_source=whatsapp

Klimaaktivismus halte ich nach wie vor für dringend. Auch eine möglicherweise grüne oder eine grün nadelnde Regierung braucht Druck. Immer noch sind Lobbys, Profitinteressen und vor allem die Gewohnheiten der Menschen unglaublich mächtig.

Der nachpandemische Klimaaktivismus sollte aber auf keinen Fall weiter „randomly“ einer gestressten Öffentlichkeit Schuldgefühle machen, sondern sich darauf konzentrieren, die großen Klimasünder (RWE, Heidelberg Zement,…etc.) und die Blockierer (Verkehrsministerium, Bauernverbände,…etc.) ins Licht der Öffentlichkeit ziehen, und …. - die Klimabewegung sollte vor allem den Menschen die wunderbare Welt nach Überwindung der Klimakrise zeigen. Niemensch findet Matrosinnen und Matrosen für eine Seereise durch die Beschreibung des Untergangs.

Schlussfolgerungen:

- Extinction Rebellion ist keine Graswurzelbewegung

- Ziviler Ungehorsam wird erstmals von einer privilegierten Gruppe gebraucht, vielleicht sogar missbraucht.

- XR und die KGB erreichen im postpandemischen Kontext und in einem Klimawahlkampf das Gegenteil der angestrebten Massenbewegung, nämlich eine Abwehrreaktion der Menschen gegen Klimaschutz und eine weitere Partikularisierung der Gesellschaft

- Konflikte bei XR entstehen aus einem Kampf um die Identität von XR, um unterschiedliche Bedürfnisse individueller Aktivist*innen und um Macht in einer Gruppe, die hierarchische Strukturen überwinden möchte.

- Kann ein ökologisch notwendiger Systemwechsel überhaupt im System durch Rebellion bewerkstelligt werden, braucht es eher Reform oder gar Revolution und den Zusammenbruch einer alten Ordnung?

- Extinction Rebellion befindet sich selbst in einer Pfadabhängigkeit analog zum „toxischen System“, das die Gruppe bekämpft.

- Die Rahmenbedingungen verändern sich, bei XR machen viele genauso weiter.

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Eine Gesamt-Zusammenfassung:

- Extinction Rebellion Gruppen sollten beginnen, darüber nachzudenken, was die Pandemie, das Urteil des Bundesverfassungsgerichts und die jüngeren politischen Veränderungen für die Klimagerechtigkeitsbewegung bedeuten

- XR sollte vor allem in den Spiegel schauen, sich überlegen, warum mehr Leute gehen als kommen, warum fast niemensch zurückkommt und warum sich Handwerker*innen, Dialektsprecher*innen oder Menschen mit Migrationshintergrund in der Bewegung wenig bis gar nicht finden.

- XR-Gruppen sollten sich über ihre Attraktivität für Menschen mit ‚psychological issues‘ bewusst werden und Strukturen, wie die Regenerationskultur wieder engagiert pflegen, um mit Klimaängsten der Aktivist*innen verantwortungsvoll umzugehen.

- Ein*e Leser*in sprach nach der Lektüre dieses Erfahrungsberichts von einer völligen Überforderung der Aktivist*innen, sich selbst in allen – richtigen und falschen – progressiven Richtungen zu verändern, die XR Strukturen selbst zu organisieren, gegen etablierte Strukturen in der Mehrheitsgesellschaft anzukämpfen und die Welt zu retten. Bei all den Ansprüchen inklusive gendergerechter Sprache, würde sie/er sich gar nicht erst trauen, sich in einer XR-Gruppe zu Wort zu melden.

- Jutta Ditfurth warf XR bereits 2019 vor, eine puritanische Endzeitsekte zu sein. Auch wenn der Vorwurf überzogen ist, liegen klare Orientierungen in Richtung einer (zwanghaften?) ökologischen Selbstoptimierung, eine eschatologische Weltsicht und – ja – dadurch auch sektentypisches Verhalten vor.

- Für die Ortsgruppe Freiburg wäre es aus meiner Sicht dringend geboten, sich die 10 Prinzipien der Bewegung wieder bewusst zu machen und vor allem: Sie zu leben. Ausgrenzung, Schuldzuweisungen und Unterstellungen, oberflächliche Harmonie bei unausgesprochenen Konflikten sind genauso schädlich, wie mit Aufklebern auf SUVs Menschen vom Klimaschutz überzeugen zu wollen. Vor allem aber sollten Aktivist*innen sich gegenseitig unterstützen, schützen und gemeinsam Strukturen schaffen, die mit ‚psychological issues‘ verantwortungsvoll umgehen können.

- Wir sind bei ca. 415ppm – also 415 Teilchen CO₂ pro einer Millionen Teilchen in der Atmosphäre. Vor der Industrialisierung waren es 280ppm. 450ppm gelten als der Wert, bei dem wir eine große Anzahl an Kipppunkten erreichen, also bspw. dem endgültigen Abschmelzen des Grönland-Eisschildes oder der Veränderung des Amazonas von einer CO₂-Senke zu einem CO₂-Produzenten. Die Kanarienvögel haben Recht.

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